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Der Kibbuz „Ha Ratzon”

Im Zusammenhang mit der Gruppe „Ha-Ratzon” reiste ich mit dem Bus zum Hachschara. Der Bus fuhr durch die schönsten Regionen Rumäniens, die heute die Hauptreisegebiete sind. Mein Ziel war Brashov, das frühere Kronstadt.

Die Stadt lag zwischen zwei Bergen. Überall kleine Ziegelhäuser mit roten Dächern. Sie waren sauber, frisch und hübsch, zwischen den zwei Bergen, die kleinen Ziegelhäuser mit ihren roten Dächern. Unsere Gruppe wohnte im Zentrum der Stadt, und ich ernährte mich durch „harte körperliche Arbeit.”

Ich erwartete, dass wir in der Landwirtschaft tätig sein würden, wurde aber enttäuscht, denn wir waren eine Industriegruppe. Wir waren etwa dreißig Männer und Frauen. Einige der Mädchen waren bereits sexuell aktiv, obwohl sie weder verheiratet noch verlobt waren. Der Rest war noch zu haben. Die Mädchen besorgten das Kochen, die Wäsche und die üblichen Haushaltsarbeiten, während die Jungen verschiedenen Arbeiten in der Stadt nachgingen. Ich wurde mit den Jungen zur Arbeit geschickt und musste einmal eine Woche lang Nägel zur Wiederverwendung aus Brettern herausziehen und gerade schlagen.

Danach wurde ich als Träger in das Lagerhaus eines Geschäfts abkommandiert. Ich belud Lastwagen mit Weizen, Mehl und anderen Waren. Der Geschäftsinhaber entdeckte sehr bald meinen Geschäftssinn und erlaubte mir, im Laden zu verkaufen, obwohl die Landessprache ungarisch war. Ich lernte die Namen der Waren und das Zählen auf ungarisch sehr schnell, und das war genug. Es machte mir nichts aus, dass die Arbeit nicht sehr interessant war, weil ich wusste, dass dies der Weg nach Eretz-Israel war. Das Gemeinschaftsleben lag mir nicht, denn ich fand nicht, dass wir eine Gemeinschaft waren. Es gab Cliquen und Paare, und dann waren da die dfukim – diejenigen, die ausgenutzt wurden. Ich war neu in der Gruppe, die anderen waren schon sechs Monate und einige zwei Jahre dabei. Ich fand schnell heraus, welche Clique mich am besten über die Zeit retten konnte.

Nach Jahren, in denen ich Hunger nicht mehr gekannt habe, wurde ich wieder in frühere Zeiten zurückgeworfen. Das Essen wurde streng bewacht und schmeckte nicht sehr gut. Der Lagerraum war voll von Dingen, die wir von der jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisation „Joint” erhalten hatten. Diejenigen, die dem Nahrungsverwalter nahe standen und die älteren Mitglieder litten keinen Hunger. Es gab auch gelegentliche Sondermahlzeiten. Einer unserer Mitglieder, ein Kerl mit dem rein rumänischen Namen Bucur, der wie ich der Gruppenführung gegenüber kritisch eingestellt war, schlug vor, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Zuerst gingen wir mit dem Geld, das wir von zu Hause mitgebracht hatten, in der Stadt essen. Als unser Geldvorrat aufgebraucht war, nahmen wir uns einfach Essen aus dem Lager. Nach vielen Tagen entdeckte ich, dass die anderen es genauso gemacht hatten. Ich war so naiv gewesen, zu denken, dass ich etwas Außergewöhnliches getan hatte. Im Ghetto von Moghilev hatte sich mein Sinn für Fairness langsam abgeschliffen, doch in Bukarest war ich wieder der alte geworden und betrachtete so ein Verhalten als verboten.

Eines Tages erhielten wir die Order vom Hauptquartier für Landesverteidigung der „Zionistischen Jugend”, einen Kandidaten zu ernennen, der in den Karpaten Selbstverteidigung lernen sollte. Am Ende des Kurses sollte diese Person die Verantwortung bekommen, der Gruppe Selbstverteidigung beizubringen. Die Generalversammlung der Gruppe ernannte mich als Kandidaten und ich nahm mit großer Freude an. Ich weiß nicht, warum sie mich genommen haben, aber ich danke ihnen bis heute, dass sie mir die Gelegenheit für diese Erfahrung gegeben haben. Es war mein erster Kontakt mit Eretz-Israel.

Ich wurde per Zug in die Stadt Lugoj in Transsylvanien geschickt, von wo aus man uns in eine Waldlichtung brachte. Jede Gruppe wurde in Zelten einquartiert, und nach einer kurzen Einführung begann ein extrem schwieriges Training, das fast einen ganzen Monat dauerte. Wir lernten Mann-zu-Mann-Kämpfe, mit und ohne Schlagstock oder mit einem Messer, lernten Judo und andere nützliche Sportarten, doch am meisten joggten wir. Alles wurde im Laufen getan. Der Weckruf kam sehr früh, dann Frühsport, Morgenlauf und viel Disziplin mit wenig Essen.

Die Kommandanten waren offizielle Abgesandte aus Eretz-Israel. Uns erschienen sie wie Götter. Unsere Verehrung für sie kannte keine Grenzen. Die meisten anderen Ausbilder waren Kerls wie ich, die dieses Training schon etliche Male hinter sich hatten. Hier traf ich Burshi Zapler und wir blieben viele Jahre lang Freunde. Die Anweisungen wurden auf Rumänisch und auf Hebräisch gegeben, doch Militäranweisungen nur auf Hebräisch. Zu meiner Enttäuschung erzählten sie mir nichts von Eretz-Israel. Was sie uns erzählten, war lückenhaft. Doch trotzdem gaben sie uns Selbstvertrauen und soviel Glauben an unsere körperlichen Fähigkeiten, dass es fast gefährlich war. Ich zum Beispiel war überzeugt, dass ich mit allem fertig werden würde, was mir begegnete: ich dachte, ich wäre „Rambo.”

Als ich in die Gruppe nach Brashov zurückkehrte, wurde ich akzeptiert – bis zu dem Moment, als ich versuchte, gemäß den Anweisungen, die ich während des Kurses erhalten hatte, Trainingskurse zu organisieren. Ich wollte, dass die Gruppe genauso von dem Kurs profitierte, wie ich es getan hatte. Doch leider sahen sie es nicht auf die gleiche Weise. Ich dachte, dass ich nun nur noch mit Anweisungen geben und dem Training beschäftigt sein würde, doch es hieß, zurück an die Arbeit, was mir gar nicht gefiel. Nur eine halbe Stunde pro Tag wurde denjenigen zugestanden, die das Interesse und die Kraft hatten, Selbstverteidigung zu lernen. Mein Erfolg stellte sich aus einer völlig anderen Richtung ein!

(BU S. 90 oben)
Sami Grisaru, ein Freund und ich (in Stiefeln) in Dorohoi

(BU S. 90 unten)
Von links nach rechts: Zwei Freunde, Sami Grisaru und ich, Dorohoi, April 1945

(BU S. 91)
Nach dem Abschluss der vierten Klasse am Gymnasium „Cultura” in Bukarest. In der Mitte unsere geliebte Französischlehrerin Mme. Lupu. Ich stehe ganz rechts außen.

(BU S. 92)
Mit Kameraden nach dem Abschluss der fünften Klasse am Gymnasium „Cultura.” Ich bin der Mittelpunkt, von zwei Schönheiten flankiert.


Inhalt



Aliya, auf dem Weg nach Eretz-Israel

Man fing an, die große Aliya in zwei Schiffen zu organisieren, und zwar der PAN-YORK und der PAN-CRESCENT, die auf Hebräisch „Atzma'ut” („Unabhängigkeit”) und „Kibbuz Galuiot” („Die Sammlung der Diaspora”) hießen. Die Landesorganisation für Aliya setzte diejenigen als Führungseinheiten ein, die denselben Kurs absolviert hatten wie ich selbst und in den Bereichen, die Disziplin erforderten, über organisatorische oder praktische Erfahrung verfügten.

Ich wurde zusammen mit jemand, der älter und erfahrener war als ich, ausgewählt, um die Juden von Brashov zur Aliya zu mobilisieren. Man quartierte mich in der Wohnung eines Herrn Farkash ein, einem der reichen Bürger der Stadt, wo es ein Telefon gab. Ich hatte Telefondienst und weitere Jobs wie z. B. die Einschreibung derjenigen, die für Aliya ausgewählt worden waren, der Abwicklung des erlaubten Gepäcks und der Durchsetzung der Regeln, wie z. B. dem Verbot des Exports von Zahlungsmitteln, besonders von Devisen, Gold, Diamanten usw… Jede Person war auf ein Stück Gepäck von maximal 16 kg beschränkt und war verpflichtet, alle mit der Abreise verbundenen Steuern und Gebühren selbst zu entrichten. Die meiste Arbeit wurde von der älteren Person geleistet, und ich war der Assistent. Mein Kibbuz setzte mich nicht auf die Liste für die Aliya, weil ich ein Neuzugang war. Dieses Kriterium galt sowohl landesweit als auch innerhalb der Gruppe. Meine einzige Chance, nach Eretz-Israel zu kommen, war, wenn die ganze Gruppe einreisen durfte. Meine Eltern standen auf einer anderen Liste, dank unserer Beziehungen zu unserem Freund Shaike Dan. Stellen Sie sich die Bestürzung meiner Mutter vor, als sie feststellte, dass ich nicht auf der Liste stand. Sie weigerte sich sofort, aus Bukarest abzureisen. Ihr Standpunkt war leicht zu begreifen: ein Sohn war wer weiß wo, ihre Tochter blieb zurück, um ihr Studium zu beenden, und ihr Mezzinik (kleiner Junge) sollte mit dem Kibbuz zurückbleiben?

Sie ließ alle Beziehungen spielen, die sie hatte, und erreichte schließlich, dass mein Name auf die Liste von Bukarest gesetzt wurde, ohne dass die Quote der Zionistischen Jugend angetastet wurde.

Als mein Kibbuz erfuhr, dass ich ebenfalls nach Israel einwandern konnte, bat man mich, meinen Posten einem älteren Mitglied zu überlassen, doch ich weigerte mich. Sie hielten eine Gerichtsverhandlung ab und warfen mich aus der Gruppe und aus der Bewegung. Ich war nicht besonders böse über ihre Entscheidung, denn der einzige Grund, der Bewegung beizutreten, war mein Wunsch gewesen, nach Eretz-Israel zu gelangen, und wenn sie mir diesen nicht erfüllen konnten, würde ich alles tun, was notwendig war, um mein Ziel auf andere Weise zu erreichen. Ich brauchte ihre Hilfe nicht mehr, da ich bereits in der Wohnung von Herrn Farkash lebte, gleich neben dem Telefon. Es gab viele Reibereien zwischen den Abgeordneten und denjenigen, die nach Israel wollten. Die Spannung stieg mit jedem Gerücht in Zusammenhang damit; wir wussten, dass alle Kandidaten bereit waren und hielten täglichen Kontakt mit ihnen.

Endlich erhielten wir grünes Licht. Die Kandidaten bildeten zwei Gruppen. Mein Vorgesetzter übernahm die eine Gruppe und ich die andere. ((Eben sagte er doch, dass er aus der Gruppe geflogen sei?!?)) Jede Gruppe bestieg ein anderes Zugabteil. Ich hatte die Aufgabe bekommen, die Gruppe nach Eretz-Israel zu bringen, und alle Verantwortung dafür lastete auf meinen Schultern. Ich verlangte eiserne Disziplin und völligen Gehorsam, denn jede Überschreitung konnte das Scheitern der gesamten Mission bedeuten. Insbesondere sprachen wir über die strengen Regeln bezüglich der Mitnahme von Wertgegenständen – Silber und Gold, Diamanten und Edelsteine. Darum gab es das Gewichtslimit von 16 kg und die Beschränkung auf ein Gepäckstück. Es war nicht einfach, besonders nicht für diejenigen, die nicht wie ich daran gewöhnt waren, einfach alles hinter sich zu lassen. Meine Gruppe bestand aus Familien, hauptsächlich älteren Frauen sowie einer jungen Frau, einer junge Witwe mit ihrem Sohn.

Der Zug hielt nur an Stationen, wo es Kandidaten für die Aliya gab, und nur so lange, wie das Einsteigen dauerte. Wir erreichten die bulgarische Grenze nach fast einem ganzen Reisetag und stiegen auf einen bulgarischen Zug um, der uns in die Hafenstadt Burgaz brachte.

Es waren Kisten von Äpfeln für uns in dem bulgarischen Zug, eine sehr tröstliche und ermutigende Geste des guten Willens. Meine Gruppe passierte die Grenze ohne besondere Vorkommnisse. Andere Gruppen hatten hingegen Probleme, die daraus resultierten, dass sie sich nicht an die Regeln bezüglich der Mitnahme von verbotenen Gegenständen gehalten hatten.

In Burgaz angekommen bestiegen wir die PAN-YORK. Ich konnte meine Eltern nicht sehen, und erst, als wir uns bereits auf See befanden, erfuhr ich, dass sie auf dem anderen Schiff, der PAN-CRESCENT, waren. An Deck trafen wir eine Gruppe von gesunden und attraktiven Männern in amerikanischer Armeemontur; sie sprachen bulgarisch. Als Gruppenleiter wurde ich angewiesen, meine Gruppe in das zweite Unterdeck zu geleiten. Ich erhielt eine Platzzuweisung entsprechend der Anzahl der Personen – zwei Personen auf einen Platz. Alle arrangierten sich in Familiengruppen, und ich teilte meinen Platz mit der Witwe und ihrem Kind. In gewissem Sinne wurde ich ihr Beschützer und half ihr mit dem Kind.

Nachdem ich die Leute an ihre Plätze gebracht hatte, glaubte ich, dass meine Aufgabe nun erfüllt sei, aber ich stellte rasch fest, dass der schwierige Teil erst begonnen hatte. Das Schiff war ursprünglich ein Frachtschiff gewesen. Innerhalb von zwei Monaten hatte man im Hafen von Costanza hölzerne Zwischendecks mit engen Kojen eingebaut. Es war fast unmöglich, aufrecht zu sitzen. Man musste kriechen, um in die Koje zu gelangen. Meine Aufgabe als Gruppenleiter bestand darin, meine Gruppe in ihren Kojen zu überwachen. Ich musste die Disziplin aufrechterhalten, ihnen Essen und Wasser bringen und den Kontakt zum Schiffskapitän aufrechterhalten. Die jungen bulgarischen Männer hatten die Organisation des Schiffes unter sich, und ich bekam die Aufgabe, das Wasser von einem der Wasserhähne aus zuzuteilen.

An Bord begegnete ich meiner Tante Batya und Eliezer und Elka'le Gamerman, die ich auf Deborahs Hochzeit kennen gelernt hatte. Während des Krieges hatten beide im Zugtransportkommando der russischen Armee gedient. Ihre Kinder, die sich bei Ausbruch des Krieges im Ferienlager befunden hatten, waren von den Deutschen ins russische Hinterland verbannt worden und auf dem Weg dorthin gestorben. Die Gamermans waren wunderbare Menschen, und mein Schicksal war noch viele Jahre später mit ihnen eng verknüpft.

Die Überfahrt war sehr angenehm. Trotzdem man uns vor Seekrankheit gewarnt hatte, kann ich mich nicht erinnern, dass irgendjemand wirklich darunter litt. Die Leute durften unter kontrollierten Bedingungen an Deck und konnten sich an speziellen Wasserhähnen Hände und Gesicht mit Seewasser waschen. Das Trinkwasser war streng rationiert, denn man hatte uns darauf vorbereitet, dass wir möglicherweise monatelang an Bord bleiben mussten, bis wir die Einreisegenehmigung nach Eretz-Israel erhielten. Es befanden sich mehr als 7000 Menschen an Bord, darunter natürlich auch Künstler und Sänger. Der Kapitän des Schiffes organisierte Gesangsveranstaltungen mit Mikrofonen. Eines der Mädchen, die ich an Bord kennen lernte, war eine gute Sängerin, und nachdem sie mich eines Abends singen gehört hatte, lud sie mich ein, mit ihr das wundervolle Lied „Suliko” im Duett zu singen. Als sie in Israel ankam, wurde sie Opernsängerin, und ich singe nicht einmal im Badezimmer.

Ich hatte viel zu tun und kaum Zeit, zu schlafen oder zu essen. Ich arbeitete fast rund um die Uhr. Wir verließen das Schwarze Meer, passierten die Dardanellen, und nach einer Weile wurden wir von britischen Kriegsschiffen eingeholt.

Wir wussten, dass die Briten gegen unsere Landung in Eretz-Israel waren. Wir hatten bereits gehört, was sie mit Schiffen gemacht hatten, die vor uns zu landen versucht hatten. Sie machten mit zwei ihrer Schiffe ein „Sandwich”, indem sie das Einwandererschiff in die Mitte nahmen, luden die Flüchtlinge/Immigranten des beschädigten Schiffes an Bord und brachten diese nach Zypern. Im Vergleich zu anderen waren unsere Schiffe groß und stabil; wir wurden nicht „gesandwicht”. Wir, die Einwanderer, wussten nicht, was vor sich ging. Da ich für den Wasserhahn verantwortlich war, teilte man mir mit, dass wir uns wehren würden, selbst wenn es Monate dauerte; daher mussten wir Wasser streng rationieren und durften nichts verschwenden. Ich erfüllte meine Aufgabe und gab exakte Anweisungen, wie ich es bei der freiwilligen jüdischen Selbstverteidigungsorganisation Hagana gelernt hatte.

Nach vielen Jahren erfuhr ich dies und jenes darüber, was damals bei dem Kampf mit den Briten geschehen war, die unseren Bug unter Beschuss genommen hatten, und erst kürzlich las ich in dem Buch „Parachuting Blind” von Amos Ettinger, was sich wirklich abgespielt hatte. Darin erzählt er die Geschichte von Shaike Dan, der Zehntausenden Familien das bittere Schicksal erspart hatte, in Osteuropa zu bleiben.


Inhalt



Zypern, ein britisches „Gefangenen”-Flüchtlingslager

Ich feierte Silvester, den 31. Dezember 1947, an Bord des Schiffes. In derselben Nacht erfuhr ich, dass der junge König Mihail, dem die Krone zugefallen war, als sein Vater zur Abdankung gezwungen wurde, auch abdanken musste und ins Exil gegangen war. Das Königreich Rumänien war zu Ende, und die Volksrepublik Rumänien hatte im wahrsten Sinne des Wortes begonnen.

Wir fuhren weiter, eskortiert von der britischen Marine, bis man uns mitteilte, dass unser Ringen mit den Briten erfolgreich war, was hieß, dass wir nun mit unseren Habseligkeiten in Zypern aussteigen durften.

Wir ließen unser Schiff an der Küste bei Famagusta zurück und wurden sofort mit DDT desinfiziert. Man teilte uns jeweils ein Miltärbesteck, eine Decke, Bett und Matratze zu und steckte uns hinter Stacheldraht in ein Kriegsgefangenenlager, das von britischen Soldaten bewacht wurde. Meine Aufgabe als Leiter der Gruppe aus Brashov endete mit unserer Ankunft im Lager.

Mein Vorgesetzter auf dem Schiff befahl mir, sofort das Lager zu verlassen und als „Träger” zu arbeiten, was in Wirklichkeit bedeutete, den Alten und den Kindern zu helfen; jedes Mal, wenn ich das Lager wieder betrat, hatte ich einen anderen Namen zu verwenden. Das tat ich mehrere Male, und als alle das Lager betreten hatten, war ich auf einmal der Leiter einer imaginären Gruppe von Leuten, deren Namen ich auf Anweisung meines Vorgesetzten alle selbst erfunden hatte. Das hatte den Zweck, Verwirrung und Unordnung in der Organisation der Briten zu stiften. Einige sagten, es sollte der Welt zeigen, dass uns die Briten so schlecht behandelten, dass sie sogar einige Flüchtlinge verschwinden ließen.

Durch die Berechtigungsscheine, die ich jedes Mal beim Eintreten in das Lager erhalten hatte, bekam ich ein Sechs-Mann-Zelt. Ich lud die Witwe mit ihrem Sohn zu mir ein, aber innerhalb weniger Tage trafen diese mit Familienmitgliedern zusammen, welche sie unter ihre Fittiche nahmen. Ich blieb allein in dem Zelt, allein, schwach und hoffnungslos; leer und schon wieder eingeschlossen, aber diesmal außer Gefahr.

Als Leiter meiner imaginären Gruppe stand mir ein Lager mit Nahrungsmitteln zur Verfügung, die ich schon lange nicht mehr gegessen hatte. Ein Beutel Orangen und ein Karton mit australischer Dosenmilch. Ich hatte auch andere Sachen, aber die nahm ich nicht einmal. Ich lag tagelang ausgestreckt auf meinem Bett, ohne mein Essen aus den Augen zu lassen, außer, wenn ich zur Toilette musste. Unrasiert und ungewaschen ruhte ich mich einfach nur von dem Kampf und der ungeheuren Anstrengung aus, der ich als Leiter der Schiffsgruppe ausgesetzt gewesen war. Ich fühlte mich befreit und doch gefangen. Traurig und enttäuscht. Für mich war ohne Hoffnung zu sein, als hätte man mir die Atemluft genommen.

Meine Eltern, die auf der PAN-CRESCENT gewesen waren, wurden in ein Winterlager geschickt. Ich war in Lager Nr. 62, eines von vier Sommerlagern in der Gegend von Caraolos, einige Dutzende von Kilometern von den Winterlagern entfernt. Wir hatten uns im Hafen beim An-Bord-Gehen nicht gesehen, und ich war sicher, dass meine Mutter stille Tränen unterdrückt hatte.

Ich hatte weder Verbindung mit meiner Tante Batya noch mit unseren Verwandten, der Familie Gamerman, aufnehmen können. Eliezer Gamermans Frau, Elka'le, wurde offenbar von ihrem Mann geschickt, um mich zu besuchen (sie war eine Verwandte meines Vaters.) Sie fand mich hilflos vor, in sämtliche Decken des Zeltes eingewickelt, von Fieber und Schüttelfrost gebeutelt. Ich war sehr krank; bis dahin war ich niemals krank gewesen. Sie brach mein Zelt ab, trug mich zu ihrem Zelt und kümmerte sich um mich, wie es nur eine liebende Mutter tun konnte. Sie überschüttete mich mit sieben Jahren angesammelter Liebe für ihre eigenen Kinder, die ihr durch den Tod entrissen worden waren. Sie erzählte mir, dass ich durch das Fieber manchmal stundenlang bewusstlos gewesen war. Eliezer und Elisheva retteten mir buchstäblich das Leben, und ich willigte ein, bei ihnen im Zelt wohnen zu bleiben.

Sie lebten im Lager Nr. 63 in einem kleineren Zelt als dem meinen, das sie mit einem Paar in den Mittdreißigern teilten. Meines war ein Indianerzelt gewesen, das man aufrecht durchschreiten konnte, während man in ihrem gerade einmal in der Mitte stehen konnte. Sie kochten in einer Kochgrube im Boden. Das Feuer bestand aus Diesel und Wasser im richtigen Verhältnis, sodass eine rauchlose heiße Flamme entstand. Obwohl ich einwilligte, bei ihnen und dem jungen Paar im Zelt zu bleiben, hatte ich dennoch das Gefühl, ihnen zur Last zu fallen, denn ich störte auf jeden Fall die Intimität ihres Privatlebens, das sich unter den Umständen schwierig genug gestaltete.

Nachdem ich bei ihnen eingezogen war, gewann ich bald meine alte Kraft wieder und begann Pläne zu schmieden.

Zunächst einmal erhöhte ich das Zeltdach um mindestens einen halben Meter und vergrößerte das Zelt, indem ich zusätzliche Sektionen annähte. Ich baute einen Herd, bei dem man nicht mehr auf dem Boden liegen musste, um ihn zu benutzen. Ich brachte meinen Verwandten Glück und Zufriedenheit, und die junge Frau fasste wieder Mut, denn sie war offenbar nicht allzu glücklich mit ihrem Ehemann. Sie verwöhnte mich, und ich fühle mich in dem neuen Zelt bald sehr wohl. Elisheva, oder Elka'le, wie man sie nannte, überschüttete mich mit grenzenloser Liebe.

Zu Hause, angefangen bei meinem Großvater über meinen Vater, meine Mutter, Bruder und Schwester, hatte es nie irgendwelche offenen Liebesbezeugungen gegeben, weder mit Worten noch durch Küsse. Ich bin sicher, dass meine Schwester David sehr liebte und umgekehrt, und es gibt Geschichten darüber, wie sie bei jeder Gelegenheit füreinander gesorgt haben. Ich habe keinen Zweifel, dass meine Eltern mich liebten, aber es war üblich, so etwas nicht durch Zärtlichkeiten zu zeigen und ganz gewiss nicht, indem man Worte wie „ich liebe dich, du erfüllst mein Herz” oder „deine Gegenwart macht mir Freude” sagte. Hier bei Elka'le erhielt ich andauernde Liebesbezeugungen dieser Art. Am Anfang erschien mir dies sehr seltsam, doch ich gewöhnte mich daran und genoss es sogar, denn ich glaube nicht, dass es nur Worte auf Elka'les Lippen waren, sondern aus der Tiefe ihres Herzens kam.

Das Leben war leichter im Sommerlager als im Winterlager. Das Lager lag am Strand und wir konnten von März 1948 an im Meer baden. Wir spielten fast jeden Tag Fußball. Jedes Lager hatte ein Volleyballfeld, aber in unserem Lager (Nr. 63) hatten wir die besten Mannschaften. Die meisten der Männer auf unserem Schiff (die bulgarische Gruppe) befanden sich in unserem Lager und sie waren groß, schlank, stark und spielten sehr gut. Sie stellten für mich in jeder Hinsicht einen Typ von Juden dar, den ich nie gekannt hatte. Sie sangen gut und spielten Akkordeon, Gitarre usw…

Sowohl in den Sommer- als auch den Winterlagern waren wir nach politischen Richtungen organisiert. Wer nicht einer bestimmten Partei angehörte, bekam kein Essen oder kein Zelt, da diese von den Parteien verteilt wurden. Am Eingang der Lager befanden sich Repräsentanten, die uns zu überreden versuchten, ihnen beizutreten, und wenn man nicht wusste, welcher Partei man beitreten sollte, erhielt man einen ideologischen Vortrag. Ich trat in die Allgemeine Zionistische Organisation des Lagers Nr. 62 bei, nur weil ich zusammen mit einer Gruppe angekommen war, die sich mit dieser identifizierte. Nach meinem Umzug in das Lager Nr. 63 trat ich der „Achdut Ha Avoda” (Arbeiterunion) bei, weil Eliezer der Schriftführer der Partei war. Der politische Druck, von dem ich damals keine Ahnung hatte, war überall zu spüren und führte sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den Lagern. Aufgrund der Gewalttätigkeiten von Moti Sparkov, dem ehemaligen rumänischen Boxchampion, der die Revisionisten repräsentierte, organisierten wir einmal eine sorgfältig durchdachte Gegenoffensive. Eines Nachts umzingelten wir völlig lautlos das revisionistische Lager, lösten die Zeltschnüre und ließen die Zelte auf ein Signal hin über den Insassen zusammenfallen; dann machten wir der Sache mit hölzernen Nahkampfknüppeln ein Ende. Nach diesem tragischen „Judenkrieg” herrschte wieder Ruhe.


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„Shurot Hameginim” – Die Hagana

Ich traf Freunde aus dem Selbstverteidigungskurs wieder, und sie luden mich ein, an einem Kurs für Gruppenführer teilzunehmen, der bald anfangen würde. Meine „Adoptiveltern” Eliezer und Elka'le waren sehr dagegen und beschworen mich, nicht mitzumachen, da sie Angst hatten, noch ein Kind zu verlieren. Die Kursteilnehmer würden in dem Trainingslager wohnen. Es war unmöglich, mich auf meinem Weg zum Militär aufzuhalten; ich hatte mich diesem Ziel bereits auf dem Weg nach Transnistrien verschworen.Zusammen mit der rumänischen Gruppe absolvierte ich den schwierigen Kurs, doch es waren mehr Gefühle im Spiel, da ich lernte, echte Waffen zu benutzen, nämlich ein Sten-Gewehr und nicht bloß einen Holzknüppel. Während des Kurses wurden wir jeweils allein in ein Gebäude im Zentrum des Trainingslagers gebracht. Im ersten Raum schob man einen Schrank beiseite, und ich zwängte mich durch eine enge Öffnung hindurch. Draußen war es dunkel, doch dort, wo ich hineingekrochen war, herrschte völlige Finsternis.

Ich stand, flankiert von zwei Männern, die schon länger als wir neuen Rekruten dabei waren, einem Tisch gegenüber, den ich fühlen konnte. Jemand zündete eine Kerze an. Auf dem Tisch lag eine Pistole und etwas, das wie eine hebräische Bibel. aussah. Der Kommandant der Hagana erklärte, dass ich dazu auserwählt sei, der Hagana-Organisation beizutreten, und ich darauf einen Eid schwören musste, alle Befehle zu befolgen und das Land Israel mit meinem Leben zu verteidigen. Es war einer der bewegendsten Momente in meinem Leben. Endlich, dachte ich; dies ist, was ich mir immer gewünscht habe, ein israelischer Soldat zu sein, sodass niemals wieder vier Soldaten Zehntausende von hilflosen jüdischen Flüchtlingen ins Ungewisse oder gar in den Tod führen können.

Vor lauter Rührung konnte ich kaum den Eid nachsprechen. In einer Hand hielt ich die Pistole und in meiner anderen Hand die Bibel. Dies war mein erster Eid auf mein zukünftiges Heimatland, und ich habe seither nie wieder darüber gesprochen.

Ich korrespondierte inzwischen mit meinen Eltern im Winterlager. Ich versuchte nicht, zu ihnen versetzt zu werden, und es gelang ihnen nicht, zu uns versetzt zu werden. Ich erhielt mehrere Briefe und ein paar Pfund Sterling von meinem Bruder David. In dem einzigen Laden des Lagers war es unmöglich, etwas anderes als Schokolade zu kaufen. Alle anderen Produkte wurden uns von den Briten zugeteilt. Wir erhielten nur einmal Kleidung, danach mussten wir alle Kleidung aus dem Stoff der Indianerzelte nähen.

Der Stoff des Innenzeltes wurde für Hosen, und das Innenzelt, ein blauer Indigostoff, für Hemden verwendet. Da das Klima sehr angenehm war, zerbrach sich niemand über Kleidung den Kopf.

Mein Schuhproblem allerdings verfolgte mich bis hierhin. Ich wuchs offenbar immer noch, und schon wieder waren meine Schuhe zu klein, und es gab niemanden, von dem ich andere kaufen konnte, selbst wenn ich das Geld dafür gehabt hätte, was nicht der Fall war. Ich machte mir ein paar Holzbotten, die das Problem vorübergehend lösten.

Eliezer arbeitete im Sekretariat des Lagers Nr. 63 als Arbeitssekretär. Innerhalb des Sekretariats befanden sich Vertreter aller politischen Parteien, und jeder Vertreter war Sekretär für dies oder jenes. Jeder, der im oder für das Sekretariat arbeitete, erhielt fünf Schilling die Woche. Mit der Empfehlung der Hagana und durch den Einfluss Eliezers bekam ich meinen ersten bezahlten Job. Ich wurde der Leibwächter des britischen Kommandanten des Sommerlagers.

Bis dahin hatte ich mein Geld immer durch Geschäfte verdient, indem ich etwa Seife herstellte und verkaufte oder sogar mit meinem Cousin Zvi auf dem Markt Wasser feilbot, als wir in Moghilev waren; nun war ich ein „Regierungsangestellter.” Die Position hatte den Zweck, den britischen Offizier davon abzuhalten, Dinge zu sehen, von denen wir nicht wollten, dass er sie zu sehen bekam. Für ihn war ein Leibwächter nötig, um ihn „vor Angriffen durch die Hitzköpfe im Sommerlager zu schützen.” Der Offizier hatte den Rang eines Majors, war sehr nett, höflich und weit von dem normalerweise im Film dargestellten Typus des Kommandanten eines Gefangenen- oder Flüchtlingslagers entfernt. Mein Englisch war sehr schlecht, doch es war nicht mein Englisch, das mich für den Job qualifizierte, sondern meine Muskeln und das Jiu-Jitsu-Training, das ich in Rumänien und Zypern gelernt und perfektioniert hatte. Wir hatten einen Dolmetscher, der perfekt Englisch konnte, und dieser kommunizierte direkt mit dem Kommandant.

Der Dolmetscher bewegte sich in der Begleitung des Kommandanten frei innerhalb und außerhalb des Lagers. Ich bewachte ihn nur von seinem Eintreten ins Lager bis zu dessen Verlassen.

Das bisschen Englisch, das ich konnte, stammte aus den Filmen, die ich gesehen hatte, doch hauptsächlich aus einem Abendkurs, den ich in Bukarest an der Organisation für rumänisch-amerikanische Freundschaft absolviert hatte. Diese beiden Quellen halfen mir, (zusammen mit dem Dolmetscher) mit dem britischen Offizier klarzukommen.

Das Lagerleben bekam allmählich einen Inhalt. Der Kurs, mein Job, das sich entwickelnde kulturelle Leben, Fußball, Volleyball und so weiter.

Sogar ein jiddisches Theater begann sich zu formieren. Wir waren ein Gefangenenlager, doch es wirkte eher wie ein Ferienlager. Es gab Partys und Hochzeiten. Kinder wurden geboren, und man brauchte sich über ihre Ernährung keine Sorgen zu machen. Alles war in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass wir Israel nicht erreichen konnten. Eines der bewegendsten Ereignisse war der Auftritt von Shoshana Damari. Alle Gefangenen des Lagers versammelten sich auf dem Fußballfeld, in dessen Zentrum eine Bühne errichtet worden war. Auf der Bühne stand eine schöne, dunkelhäutige Frau, wie man sie in Europa selten sieht. Sehr dunkel, mit wundervollem schwarzem Haar, doch vor allem diese Stimme.

Ihre Lieder elektrisierten uns, obwohl ihr Begleiter offensichtlich Schwierigkeiten mit dem Akkordeon hatte, das während des Transports beschädigt worden war. Sie hypnotisierte uns mit ihren Liedern und gab denjenigen von uns, die meinten, Hebräisch zu können, einen Minderwertigkeitskomplex.

Ich hatte Hebräisch im sephardischen Stil gelernt, und trotzdem war es das erste Mal, dass ich authentisches Hebräisch hörte. Ich wusste nicht einmal, dass es Ashkenazi und Sephardi gab, bevor ich in Bukarest ankam. Dort lernte ich, dass die Sephardi die Elite darstellten, die sich direkt von König David herleiteten und nach der Zerstörung des zweiten Tempels vertrieben worden waren.

Sie wurden durch die Umstände in die Diaspora getrieben, wo sie eine Blütezeit in Spanien erlebten, bis sie während und durch die Spanische Inquisition vertrieben wurden.

In Zypern traf ich auch Juden aus Nordafrika, hauptsächlich aus Marokko. Hier auf Zypern erfuhr ich auch von den jemenitischen Juden. Shoshana Damari, die eine unvergessliche Vorstellung gab, verkörperte die Juden in Israel. Erst später erfuhr ich, dass sie aus dem Jemen stammte. Die Melodien ihrer Lieder begleiteten mich noch jahrelang, und obgleich ich sie inzwischen Dutzende, wenn nicht hunderte Male gehört habe, erinnern mich ihre Lieder immer noch an dieses aufregende Erlebnis auf Zypern. In der Fernsehsendung „This is Your Life” hörte ich sie sagen, dass das bewegendste Erlebnis in ihrer langen, reichen Karriere „die Vorstellung, die sie gab, die Lieder, die sie vor den Gefangenen auf Zypern sang”, gewesen war. Wie wahr!

Wir nahmen keine Elektrizität von den Briten an, und wir wollten ebenfalls nicht, dass sie uns Radios gaben, um Nachrichten zu hören. Wir bekamen Zeitungen, und die Menschen waren begierig auf Neuigkeiten und Wissen. Jede Partei hatte ihr eigenes Nachrichtenzelt, von wo aus sie jeden Tag zu einer festgesetzten Zeit die Nachrichten über ein Megaphon verlasen. Die Nachrichten, die auf Jiddisch verlesen wurden, handelten gewöhnlich von Eretz-Israel und waren anti-britisch. Gelegentlich gab es andere Neuigkeiten und kleine Fetzen von Information.

Am 15. Mai 1948 rief Ben Gurion den Staat Israel aus. Die Briten hatten Palästina verlassen, aber sie kontrollierten weiterhin die Flüchtlingslager auf Zypern. Einige der Flüchtlinge durften das Lager verlassen und in den neu geschaffenen, unabhängigen Staat Israel reisen. Eliezer und Elka'le erhielten die Einreiseerlaubnis. Sie sahen sich einem ernsten Dilemma gegenüber – mich allein zu lassen, um endlich ans Ziel zu gelangen, oder zu warten, bis auch ich gehen durfte. So sehr ich ihre Fürsorge auch zu schätzen wusste, drang ich doch in sie, zu gehen.

Ich bat sie, unbesorgt zu gehen, da ich eines nicht mehr fernen Tages nachkommen würde. Aber es steckte ihnen immer noch die Erinnerung an die Trennung von ihren Kindern in den Knochen, die sie nie wieder sahen, und nun standen sie vor einer ähnlich schweren Entscheidung. Nach vielem Hin- und Her, und nachdem sie vergeblich versucht hatten, auch für mich eine Genehmigung zu bekommen, entschlossen sie sich schließlich, ohne mich zu gehen.

Während der Monate, die ich mit ihnen zusammen verbrachte, dachte ich nicht an die Möglichkeit, wieder mit meinen Eltern vereint zu werden, entweder, indem ich zu ihnen zog oder sie zu mir. Nachdem die Gamermans abgereist waren, nutzte ich meine Beziehungen zu dem Britischen Major, und meine Eltern waren überrascht, als sie erfuhren, dass sie die Genehmigung erhalten hatten, in das Sommerlager umzuziehen. Wir hatten uns fast ein Jahr lang nicht gesehen, doch während sich unser Wiedersehen recht gefühlvoll gestaltete, benahm ich mich nicht sehr nett. Ich zeigte keine besondere Freude über unser Wiedersehen; stattdessen erzählte ich in allen Einzelheiten von meiner Beziehung zu Eliezer und Elka'le, was meine Eltern zweifellos sowohl freute als auch ärgerte, besonders meine Mutter. Ich glaube, dass ich Mutter viel Dank schuldig bin, doch ihr vor allem viel abzubitten habe. Sie liebte ihre Kinder, aber stellte es nicht offen zur Schau. Sie opferte stets sich für andere auf. Als wir Medizin für Dina kaufen mussten, ließ sie sich ohne zu zögern ihre Goldzähne ziehen und machte sie zu Geld. Sie sorgte sich zuerst einmal um Essen für ihre Familie, die Kinder, und ganz zuletzt um sich selbst.

Ich erinnere mich mit Trauer und Scham daran, wie peinlich es mir gewesen war, mit ihr zusammen in der Straßenbahn in Bukarest zu fahren, weil sie so ärmlich gekleidet war, und weil ihr Rumänisch klang wie das einer Bäuerin. Die Liste des Kummers, den wir ihr verursachten, ist lang; seit ihrem Tod im Alter von neunundsechzig Jahren muss ich stets an ihren Kummer und Schmerz denken, zu dem ich meinen Teil beigetragen habe. Es scheint ganz so, dass meine Kinder mir dafür „die Rechnung präsentieren” werden.

Ich kann nur hoffen, dass sie es dabei nicht übertreiben, denn eines Tages werden auch sie an der Reihe sein. („Dem der Predigt, wird dereinst gepredigt werden”.)

Für meine Mutter kam der Umzug ins Sommerlager gerade rechtzeitig. Die Bedingungen waren hier viel besser. Das Essen war dank meiner Manipulationen reichhaltiger. Das Zelt war groß und der Herd ein Traum. Meine Mutter konnte ein Essen aus dem Nichts zaubern, und aus den Nahrungsmitteln im Lager Nr. 63 machte sie wahre Festessen. Allgemein muss ich sagen, dass wir auf Zypern merkwürdige Sachen hergestellt haben, wie z. B. Hosen und Hemden aus dem Stoff von Indianerzelten, ein Fußballfeld mit Speisestärke, Hochzeitskleider aus Damenbinden, Theaterbühnen aus Apfelsinenkisten und vieles andere mehr.

Als meine Eltern bei mir einzogen, musste ich mich erst eine Weile an sie gewöhnen. Moritz, der Sohn von Dina Coifman, war im Lager Nr. 64 in der Beitar-Gruppe, einer Sport- und Jugendorganisation, der er wegen seines Bruders Monia beigetreten war. Meine Mutter lud Moritz ein, zu uns zu kommen, aber er war zu sehr mit Beitar beschäftigt. Doch während er es ablehnte, zu uns zu ziehen, kam er doch jeden Tag und brachte uns seine Ration, aus der Mutter mit unseren zusammen uns allen eine wunderbare Mahlzeit kochte. Vater tat nichts. Es sah ihm gar nicht ähnlich, nur dazusitzen und nichts zu tun, aber so waren nun einmal die Umstände. Auf Zypern gab es fast keinen Handel. Es gab keinen Marktplatz. Nur sehr gelegentlich wurde ein Gegenstand gegen einen anderen getauscht. Seit den 30er Jahren machten politische Parteien ihn einfach nur wütend. Er traute ihnen nicht und betrachtete sie als Parasiten. Sein Bruder Matityahu, der bereits 1920 nach Eretz-Israel ausgewandert war, hatte ihm brieflich geraten, in Israel zu investieren. Er sollte Obstgärten kaufen, eine Mühle bauen und zu dem Gründungsfonds und zum Keren Kayemet beisteuern, doch er kaufte nicht, baute nicht und steuerte nicht genug bei. Obwohl er meinem Onkel Geld schickte, um ihn zu unterstützen, tat er nicht mehr als das.

Matityahu schrieb in den 1930ern: „schwarze und dunkle Wolken ziehen auf, darum verkaufe, was du hast und fliehe sobald wie möglich aus Europa.”

BU S. 108)
Eliezer, Elka'le, ich selbst (erste Reihe),
Batya, Max Anselem, Riva Yurim-Cyprus,
Flüchtlingslager Nr. 62, Caraolos, Zypern.

(BU S. 109)
Das neu gewählte Sekretariat des Flüchtlingslagers Nr. 63 und dessen Kommandant.
Der Dolmetscher befindet sich links von mir.

(BU S. 110)
Shoshana Damaris Auftritt vor uns „illegalen Einwanderern” auf Zypern.


Inhalt



Von Zypern nach Israel – Endlich!

Am 15. Mai 1948 wurde der Staat Israel ausgerufen. Wir feierten den ganzen Tag und die ganze Nacht und erwarteten, dass nun die Lager geöffnet würden und wir Staatsbürger unseres alten-neuen Landes werden konnten. Doch die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Nichts geschah. Wochen vergingen, bevor sich irgendetwas änderte. Man erlaubte, in strenger Reihenfolge, zuerst den Alten und den Kindern, in Israel einzureisen. Die Gamermans, für ein paar Monate meine Adoptiveltern, durften ausreisen, wie ich bereits vorher erwähnt habe. Meine Eltern, die nun im Sommerlager eingetroffen waren, durften auch nach Israel gehen. Wieder hatte ich Angst, von ihnen getrennt zu werden, denn sie galten als „alt” (damals waren sie in den Vierzigern und erschienen auch mir alt), während ich schon siebzehneinhalb war. Ich begann sofort, nach einer Lösung zu suchen.

Durch meine Beziehungen zu dem Lagerkommandanten und auf den Rat eines Abgeordneten der Hagana aus Israel hin, der ein Freund von mir war, änderte ich mein Geburtsdatum auf der Liste, die sich im Büro des Lagerkommandanten befand; wir besaßen keine Papiere, daher war die beim Eintritt in das Lager aufgenommene Information der ausschlaggebende Faktor.

Erst am 4. Juli 1948 waren meine Eltern und ich (als Kind) an der Reihe, nach Israel einzureisen. Der Grund, warum jungen Männern die Einreise nicht erlaubt war, bestand in dem Waffenstillstandsabkommen, das verbot, die Zahl des wehrfähigen Personals zu vergrößern. Ich setzte meine Aliya auf demselben Schiff fort, auf dem ich in Zypern angekommen war.

Dieses siebenmonatige Zwischenspiel war für mich wie die Reise durch die ägyptische Wüste vor der Ankunft im Gelobten Land. Das Schiff wurde in INDEPENDENCE (Unabhängigkeit) umbenannt, und an seinem Mast wehte die Fahne des Landes, das mich aufgenommen hatte – Israel.

Dieses Mal befanden sich auf dem Schiff nur 1500-2000 Passagiere. Ich verbrachte die meiste Zeit an Deck und schaute in die Tiefen des Meeres, um mich mit den Wassern vertraut zu machen, die an die Ufer unseres Landes spülten. Ich versuchte, etwas über die Fische und die Quallen zu lernen, die mich in großes Erstaunen versetzten. An Bord befanden sich auch die meisten Jungen, mit denen zusammen ich den Führungskurs besucht hatte. Sie sprachen davon, der Kampforganisation „Palmach” beizutreten, da wir dies versprochen hatten. Wir befanden uns in bester körperlicher Verfassung und konnten natürlich schnell in die Palmach-Einheiten aufgenommen werden. Ich hatte meine Zweifel, denn meiner Meinung nach brauchten wir eine einzige Armee statt der Palmach, Etzel, Hagana usw… Meine Zukunft lag in einer der Spezialeinheiten der Landesarmee. Meine Meinung hatte sich auf Zypern herausgebildet, was mich bei meinen Freuden nicht unbedingt beliebt machte. Sie versuchten, mir verschiedene Schimpfnamen anzuhängen, aber ich will davon hier nicht sprechen. Sie versuchten, mich bloßzustellen, damit ich meine nationalistischen Ideen fahren ließ.

Wir näherten uns der Küste von Israel, wobei der Berg Carmel das erste war, das wir zu Gesicht bekamen. Das Schiff verlangsamte die Fahrt. Spontan begannen wir, unsere Nationalhymne „Hatikva” (Hoffnung) zu singen und Tränen rollten über die Wangen selbst der Zähesten von uns. Wir fielen uns in die Arme, und alle schworen den patriotischen Eid, dass wir uns unser Heimatland niemals mehr wegnehmen lassen würden, obwohl wir dort nicht geboren worden waren.

Ein paar Kilometer von der Küste entfernt, noch in internationalen Gewässern, teilten uns die Assistenten des Kapitäns mit, dass jeder Mann im wehrfähigen Alter das Schiff verlassen musste.

Dies beinhaltete auch alle, die körperlich den Eindruck erweckten, wehrfähig zu sein. Auch sie mussten sich von den Eltern verabschieden und in ein kleineres Schiff umsteigen, das an unserem festgemacht hatte.

Sie erklärten uns, der Grund dafür, dass wir in unser eigenes Land illegal einreisen mussten, seien die Soldaten der Vereinten Nationen, die sicherstellen sollten, dass sich der Bestand an wehrfähigem Personal im Lande während des Waffenstillstandsabkommens nicht vergrößerte.


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Israel – Der Unabhängigkeitskrieg

Wieder war ich gezwungen, meine Eltern zu verlassen, und wieder bekam ich die übliche Maske der Trauer zu sehen, die meine Mutter aufzusetzen pflegte, auf der sich die ungeweinten Tränen und das Entsetzen abzeichneten: Bilder aus dem Leben. Diesmal weinte sogar Vater Tränen der Verzweiflung. Wie den meisten jungen Leuten angesichts eines weiteren Schrittes vorwärts ins Leben erschien es mir nicht so wichtig, dass wir getrennt wurden, und ich begriff den Grund für ihre Tränen nicht. Im Gegenteil; nun, da ich den sicheren Hafen meiner langjährigen Träume endlich erreicht hatte und sich mir der Generationen alte Traum der Juden erfüllt hatte, der in unserem Gebet „nächstes Jahr in Jerusalem” zum Ausdruck kam, ließ ich mich nicht von ihrer Furcht vor der Situation mitreißen. Ich nahm den leeren Rucksack, den man mir in Bukarest genäht hatte – ich besaß fast nichts, da wir Rumänien mit nur 16 Kilogramm Gepäck verlassen durften. Es war Platz für vierzehn Kilogramm in dem Rucksack, denn meine Habe beschränkte sich auf ganze zwei.

Zusammen mit den anderen kletterte ich über Strickleitern vom Schiff in kleine Beiboote, die uns zu ein paar felsigen Stellen an der Küste brachten, die nicht von der UN kontrolliert waren. Wir bestiegen einen Bus mit „M2”-Beschriftung, der uns zur „Mitbach Hapoalim” (Arbeiterküche) im Stadtteil Carmel mitten in Haifa brachte. Dort bekamen wir eine reichliche Mahlzeit serviert. Orangen waren schon nicht mehr die Sensation, weil wir sie auf Zypern gegessen hatten, und ich hatte sie sogar auf Bäumen wachsen sehen. Was mich am meisten beeindruckte, war das Sodawasser, und die Tatsache, dass es gratis war.

Das Wasser auf dem Schiff war rationiert gewesen, ebenso der Wasservorrat auf Zypern, aber hier gab es reichlich Sodawasser.

Nach dem Mittagessen brachte man uns in einen großen Vortragssaal des Israel Institute of Technology (Technion), der gewöhnlich akademischen Zwecken vorbehalten war – dort verbrachten wir die Nacht.

Lange Zeit wusste ich nicht, wo sich meine Eltern befanden. Am nächsten Morgen bestiegen wir wieder den Sonderbus und wurden an den Ort gebracht, an dem sich alle neuen Rekruten versammelten, das Lager von Beit-Lid. Dort wurden wir eingezogen, erhielten unsere persönliche Kennziffer, Militärpass, Hemd, Hosen, Unterwäsche, Socken, und, was am wichtigsten war, ein neues Paar Schuhe. Es war Jahre her, dass ich so etwas gesehen geschweige denn an den Füßen gehabt hatte.

Nachdem wir zusammen mit einer anderen Gruppe aus Zypern den ersten Appell beendet hatten, wurden wir der Palmach zugewiesen. An diesem Punkt bestand ich auf meinen Prinzipien und erklärte, dass ich nur der nationalen Verteidigungsarmee (IDF) beitreten würde, nicht aber der Palmach. Es half auch nichts, als sie mir erklärten, dass die Palmach Teil der IDF war.

Die Freunde, die meine Meinung nicht teilten, traten der Palmach bei und ich blieb zurück und wartete darauf, dass man mir einen anderen Posten zuwies. An diesem Abend rief man meinen Namen, und ich erfuhr, dass alle neuen Einwanderer einen viertägigen Urlaub erhielten, während dem sie sich mit dem neuen Land vertraut machen sollten, Verwandte besuchen, und, sofern man welche hatte, die Eltern.

Ich erhielt einen Vorschuss auf meinen Wehrsold von zwei Lira und trampte nach Tel Aviv, von dem ich auf Zypern bereits gehört hatte. Ich glaubte, dass das Land aus Wüste bestand, denn ich hatte soviel über die Wasserknappheit und die Notwendigkeit gehört, zum „Keren Kayemet” beizusteuern, damit Bäume gepflanzt werden konnten – doch seit ich das Schiff verlassen hatte, war ich von Grün umgeben.

Haifa war voller Bäume. Die Straße nach Beit-Lid führte durch eine vollständig grüne Gegend, wo es sogar Bananenplantagen gab. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nie eine Banane gesehen, und hier war plötzlich diese wunderbare, merkwürdige, interessant geformte Pflanze. Beide Seiten der Straße nach Tel Aviv waren ebenfalls grün.

Auf den Rat der Person, die mir den Urlaub ausgestellt hatte, meldete ich mich bei meiner Ankunft in Tel Aviv beim dortigen Militärbüro. Ich bat um einen Schlafplatz und um Rat, was ich besichtigen und essen sollte. Meine Probleme waren bald gelöst, und es kam besser, als ich gehofft hatte. Im Büro des Offiziers warteten bereits Bürger, die von der Front auf ein paar Tage Ruhe und Erholung heimgekehrten Soldaten ihren Beistand anboten. Obwohl ich noch nicht an der Front gewesen war, kam ich dennoch in den Genuss dieses Service, denn vom Aufenthalt meiner Eltern war immer noch nichts bekannt. Eine Frau lud mich ein, mit zu ihrer Familie zu kommen, aber ich lehnte zuerst mit der Begründung ab, dass ich gerade aus Zypern gekommen war und nicht von einem Schlachtfeld. Sie erwiderte, dass mir als Soldat trotzdem Hilfe zustand und dass sie sich sehr freuen würden, wenn ich ihr Gast wäre.

Ich kam in das Haus der Familie Lifschitz in einer kleinen Straße nicht weit vom Dizengoff-Platz. Sie hatten zwei kleine, sehr liebe Kinder, etwa sechs und acht Jahre.

Sie beherbergten mich und waren sehr stolz auf mich, obwohl ich noch nichts zu unserer Nation beigetragen hatte. Ich erzählte ihnen davon, was uns während des Krieges geschehen war, und sie waren sehr begierig darauf, soviel zu hören, wie ich zu erzählen bereit war.

Wie meine Verwandten, die Familie Spectorman, war auch Herr Lifschitz in der Textilindustrie tätig. Als ich dies erwähnte, versprach Herr Lifschitz, ihnen Nachricht von meiner Ankunft in Israel zukommen zu lassen. Am nächsten Tag kam Moshe Spectorman, der Onkel meiner Mutter, und nahm mich mit nach Hause. Wir hatten uns nie vorher getroffen, aber ich fühlte, dass ich durch die Geschichten von meiner Mutter und meinem Vater gut mit ihm bekannt war.

Ich erinnerte ihn an die Unterstützung, die er uns hatte zukommen lassen, als wir in Transnistrien waren. Er und sein Bruder und Partner Melech hatten uns von Zeit zu Zeit durch einen rumänischen Offizier, der zwischen sechzig und neunzig Prozent für sich selbst abzweigte, Geld geschickt; dennoch kam der kleine Betrag, den wir erhielten, immer zur rechten Zeit und wirkte sehr belebend auf uns. Nun, da ich bei ihm zu Hause war, konnte ich mich endlich persönlich dafür bedanken; es schien mir, dass seine Freude darüber grenzenlos war, mit seiner Hilfe einen wichtigen Beitrag dazu geleistet zu haben, unsere Familie vor dem Tod zu bewahren.

Moshe und seine Frau Rivka (die von allen Rivusia genannt wurde) hatten zwei Kinder – eine Tochter, Mara, die ein oder zwei Jahre jünger war als ich, und einen noch jüngeren Sohn, Ben-Ami. Die Tochter war in meinen Augen schön und attraktiv, doch ich konnte bei ihr keinen Eindruck schinden. Der Einwanderer aus Rumänien imponierte ihr nicht. Sie war sehr hübsch und sehr mit ihrem Studium am Herzlia-Gymnasium und mit ihren Freunden beschäftigt.

Onkel Moshe schenkte mir ein Paar normale Schuhe, damit ich die Stiefel nicht zu tragen brauchte, die man mir im Lager Beit-Lid zugeteilt hatte. Ich bin sicher, dass ich auch andere Sachen bekam, aber die Schuhe waren das Nützlichste und Unvergesslichste von allem, das sie mir schenkten.

Mein Onkel hatte einen kleinen schwarzen Wagen, einen Hillman, in dem er mit mir eine Stadttour machte. Wir begannen an der Küste entlang der Allenby-Straße, danach ging es zum Rothschild-Boulevard. Es war schön und ich war sehr beeindruckt, als er mir die Namen der verschiedenen prächtigen Bäume entlang des Boulevards erklärte.

Meine oft unterbrochene Ausbildung hatte viele Fächer ausgelassen, zu denen ich kein Verhältnis hatte und denen ich daher keine Beachtung geschenkt hatte.

Bis heute kann ich weder Vögel noch Bäume identifizieren. Ich kenne die Namen der verschiedenen Hunderassen nicht und auch nicht die vielen anderen Dinge, die ein Kind lernt, wenn es mit seinen Eltern zusammen die Natur entdeckt.

Dasselbe gilt für auch eine Menge von Themen innerhalb der verschiedenen Sprachen, die ich spreche. Es war ein interessanter und lehrreicher Ausflug. Ein hoch interessanter Besuch in der Fabrik in Bnei Brak vermittelte mir rasch ein umfassenderes Bild von dem Land, das ich in ein paar Tagen würde verteidigen müssen. Ich blieb die nächsten paar Tage bei der Familie Spectorman. Bei meiner Rückkehr nach Beit -Lid setzte mich der Dienst habende Offizier davon in Kenntnis, dass ich mich im Trainingslager (ich glaube, es hieß Camp Meir) in Tel Aviv zu melden hatte. Dort wurde ich zu einem Tag Küchendienst abkommandiert, was mich ärgerte. Es war weniger der Befehl als solcher, sondern der Umstand, dass ich im Speisesaal die Reste von Brot, Margarine und Marmelade aufsammeln und wegwerfen musste.

Es ging mir aufgrund meiner Erfahrungen in den kargen Jahren von 1941-1945 und der Rationierung in Israel nicht in den Kopf, dass man brauchbare Essensreste einfach wegwarf. Jerusalems Versorgungsweg war abgeschnitten, und hier warfen wir Margarine und hunderte von unberührten Brotscheiben einfach in den Mülleimer. Ich konnte mich weder damit abfinden, noch sah ich, wie ich diese ärgerliche Situation ändern konnte. An diesem Abend rief man diejenigen von uns zusammen, die gerade angekommen waren, und gab uns erneut ein paar Tage Urlaub.

Ich begriff nicht, was vor sich ging! Da ich gleich nach meiner Ankunft im Lande eingezogen worden war, dachte ich, dass man mich einer Einheit zuweisen würde, innerhalb derer ich an militärischen Operationen teilnehmen würde. Ich hatte den Verdacht, dass man mich am ausgestreckten Arm verhungern ließ, weil ich mich geweigert hatte, der Palmach beizutreten, und fühlte mich als Neuzugereister sehr minderwertig.

Man nannte uns „Gahalnik” (im Ausland Mobilisierte), und dieses Gefühl, gezielt gedemütigt zu werden, verfolgte mich noch eine ganze Weile. Ich verbrachte diesen Urlaub bei Verwandten von Vater. Nahe Camp Meir, gegenüber der Netzach-Israel-Straße, die damals am Stadtrand von Tel Aviv lag, wohnten Frances und Zvi Halperin und ihr einjähriger Sohn Allon. Frances war Onkel Elchanans Tochter; sie und der junge David, von dem ich bereits geschrieben habe, hatten uns in Lipcani besucht. Zvi war ein kompromissloser Revisionist; später fand ich das Buch „The Revolt”, in dem eine warme, sehr persönliche Widmung von Menachem Begin stand. Begin war auch Allons Taufpate. Zvi arbeitete in der Automobilindustrie, das heißt, er kaufte Fahrzeuge aus den Armeeüberschüssen der britischen Armee, als diese das Land verließ.

Ich wusste immer noch nicht, wo meine Eltern waren und was aus ihnen geworden war. Auch meinen Bruder David musste ich noch finden. Ich wusste, dass er noch nicht eingezogen worden war, was mich sehr überraschte, besonders, da er ein erfahrener Soldat war und im Dienst der Roten Armee am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatte.

Ich kehrte nach Camp Meir zurück, wo wir nun endlich aufgestellt und eingeteilt wurden. Der Dienst habende Offizier fragte mich, ob ich gerne Pilot werden würde, aber meine Freude darüber war kurzlebig, denn ich musste die Frage, ob ich Englisch beherrschte, leider verneinen. Ich antwortete, dass ich zwar Englisch verstünde, aber dafür Russisch beherrschte, was mein Schicksal auf lange Jahre hin besiegelte.

(BU S. 119)
Mein erster Tag als Soldat, mit den Lifschitz-Kindern in Tel Aviv.


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