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Chernowitz

Wir erreichten die andere Seite der Brücke und konnten die Großstadt riechen. Jedes Dorf und jede Stadt hat ihren eigenen Geruch und große Städte haben ganz besondere Gerüche. Der hervorstechendste ist der Geruch von Rauch, dominiert von brennendem Anthrazit oder Kohle, Gerüche von Restaurants und Garküchen. Doch was uns aus Chernowitz entgegenschlug, war der Geruch des Todes!

Jetzt sahen wir zum ersten Mal Truppen von deutschen Soldaten, die im selbstbewussten, donnernden Tritt marschierten, und hörten das Klirren von stählernen Hufeisen auf dem Kopfsteinpflaster. Die Deutschen marschierten entweder in Truppen oder zu zweit und unterhielten sich laut. Die rumänischen Soldaten, die zu dem Sieg über die Sowjets ihren Teil beigetragen hatten, verhielten sich nicht wie Sieger. Der rumänische Soldat war niemals stolz auf sich selbst gewesen, und seine augenblickliche Lage schien mehr die eines Dieners denn eines Herren zu sein. Es war allen klar, dass die wahren Herren und Sieger die Deutschen waren!

Als wir der Stadt näher kamen, wurden wir von einem rumänischen Soldaten angehalten, der, ohne uns verhört zu haben, erklärte, dass wir als Zivilisten verkleidete „Sowjetspione” wären und dass wir vorhätten, Schaden anzurichten, zu sabotieren und zu spionieren. Der Soldat stellte uns an eine Wand gegenüber dem Zentralbahnhof.

Weitere Verdächtige wurden zusammengesucht und als „wandernde Spione” gezwungen, sich neben uns aufzustellen. Die Soldaten, die diese „Spione” gefangen hatten, behaupteten ebenfalls, dass wir „die Armee mit Maschinengewehren hatten beschießen wollen.” Eine Delegation von ihnen stellte sich vor uns als Exekutionskommando auf und der Dienst habende Feldwebel gab das Erschießungskommando.

Wir umarmten einander wie zuvor, küssten uns zum Abschied und erinnerten einander, dass derjenige, der überlebte, die heilige Aufgabe hatte, die Geschichte in sich zu bewahren, die alle erfahren und niemals vergessen sollten.

In diesem Moment, genau wie im Film, genauso unglaublich, kam ein Offizier von niedrigerem Dienstrang (ein Oberleutnant) vorbei. Meine Schwester erweckte seine Aufmerksamkeit und er fragte den Feldwebel, was los war. Im Brustton der Überzeugung erklärte der Feldwebel, dass wir Spione seien, die auf die Armee hatten schießen wollen, dass wir verkleidete Sowjetsoldaten wären und daher erschossen werden sollten. Der Offizier befahl, die Exekution abzubrechen.

Der junge Offizier befahl dann offenbar einem vertrauenswürdigen Soldaten, uns in die Kommandantur zu bringen. Auf dem Weg dorthin kamen wir an Einwohnern vorbei, die ihm „schlepp sie ins Schlachthaus und erschieß sie” oder ähnliche Ratschläge zuriefen. Wir wurden nur eine kurze Zeit festgehalten und dann in den Hof der Polizeistelle von Chernowitz gebracht. Der Hof war von Zaun zu Zaun mit Menschen aus allen Gegenden zugepfercht, die alle aus irgendeinem Grund verhaftet worden waren.

Dies war bereits der vierte Tag unserer Wanderung. Wir hatten nicht eine Mahlzeit zu uns genommen, und außer dem Tee, den wir auf dem Dachboden des Schuppens getrunken hatten, der sauren Milch und dem trockenen Brot in Juchka hatte nichts Gekochtes unsere Lippen passiert.

Wir hatten uns von dem Weizen auf dem Feld ernährt und den nächtlichen Tau von allen möglichen Gegenständen abgeleckt. Wir hatten zuviel Angst gehabt, Brunnen oder Siedlungen zu nahe zu kommen.

Meine Mutter und Schwester wurden geholt, um das Obergeschoß der Polizeistation zu putzen. Meine Schwester bat einen Polizisten um etwas zu essen für ihren kleinen Bruder. Ein Polizist, den sie wahrscheinlich davon überzeugt hatte, dass ich am Verhungern war, und weil ich das einzige Kind unter den Verhafteten auf dem Hof war, warf mir aus dem ersten Stock eine Scheibe Brot herunter; es gelang mir, sie zu fangen, und ich wurde sofort von zehn anderen Gefangenen überfallen, die genauso hungrig waren wie ich.

Ich war bereits ein von der schweren Wanderung geschwächtes Kind, doch in dieser Nacht war ich so rapide gealtert, dass es niemandem gelang, mir das Stück Brot wegzunehmen. Das war mein erster richtiger Kampf um Nahrung gewesen, und ich werde es nie vergessen. Gegen Abend wurde verkündet, dass die Frauen und Kinder nach Hause gehen konnten. Doch wir vermuteten alle, dass es sich bei dem Wort „freilassen” nur um einen neuen rumänischen Trick handelte.

Die Erklärung für unser Misstrauen war, dass es den Soldaten nur während der ersten vier Tage erlaubt war, zu töten, ohne Fragen zu stellen. Doch weil die ersten vier Tage bereits vorbei waren, würden sie sich statt dessen das verhängte Ausgangsverbot zunutze machen, um alle zu erschießen, die nach sechs Uhr abends auf der Straße vorgefunden wurden.

Wir wollten Vater und Bruder nicht verlassen, aber wir wollten ebenso wenig in die von den Rumänen gestellte Falle tappen. Die Polizei kümmerte sich nicht um unser Flehen, im Hof bleiben zu dürfen, stieß uns einfach auf die Straße und schloss die Pforten hinter uns.

Nun saßen wir auf der Straße. Zu unserem Glück kannte unsere Mutter den Weg zu dem Haus eines unserer Verwandten in der Stefan-Wolf-Straße (Gheorghe Lazar-Straße auf Rumänisch). Die Straßen lagen wegen des Ausgangsverbotes verlassen da.

Wir erreichten den Wohnblock, klingelten an der Haupteingangstür, hämmerten an die Wohnungstür, aber niemand antwortete. Das Haus schien verlassen, doch wir wussten, dass sich Leute darin befanden.

Wir warfen Steine an die Fenster im ersten Stock, wo die Familie lebte, und nach einer schier endlosen Viertelstunde öffneten sie die Tür, doch zuvor unterzogen sie uns einer gründlichen Prüfung, um sicherzugehen, dass wir wirklich Verwandte waren.

Wir stiegen in den ersten Stock und fanden zu unserer Überraschung, dass Onkel Zunea und meine Tanten Batya und Dina uns ansahen, als würden sie uns nicht erkennen, und als fiele es ihnen schwer zu glauben, was uns widerfahren war.

Sie waren während der ganzen Zeit, in der die von mir beschriebenen Ereignisse stattgefunden hatten, in ihrem Haus eingesperrt gewesen und wussten nichts von all dem, was sich in Chernowitz, ihrer eigenen Heimatstadt, abgespielt hatte. Unser plötzliches Erscheinen, in Lumpen, blutüberströmt und vom Schmerz gezeichnet, erschien ihnen schwer begreiflich und wenig glaubhaft. Sie dachten, es sei eine Verkleidung oder eine Art von Spiel.

Doch es war kein Spiel und unser Aussehen war echt und hässlich. Unsere jungen Verwandten bereiteten uns einen kühlen Empfang. Wir hatten sie völlig überrumpelt.

Zuerst fühlten wir uns nicht willkommen. Es war ein seltsames Gefühl und vielleicht war es nicht wirklich, was sie empfanden, doch wir merkten, dass wir unwillkommen waren, und ihr Verhalten uns gegenüber änderte nichts an diesem Gefühl.

Wir verbrachten die ersten Tage damit, Wege zu finden, um Vater und Bruder aus der Haft zu befreien. Endlich erreichten wir jemand aus dem Innenministerium, dem mein Vater in der Vergangenheit einmal eine „Provision” gezahlt hatte. Wir gaben ihm einen Perserteppich „für die Regierung”, und Vater und Bruder wurden freigelassen.

Als wir die Freilassung endlich erwirkt hatten, glaubten uns unsere Verwandten bereits die furchtbaren Dinge, die uns zugestoßen waren. Zuerst waren sie einfach außerstande gewesen, zu verstehen und uns zu glauben. Im Laufe der nächsten Tage gelang es ihnen ganz allmählich, die Tragweite der Ereignisse zu erfassen.

Es war vielleicht unfair von uns, zu erwarten, dass relativ junge Leute mit unserem plötzlichen Erscheinen umgehen oder das Problem auch nur erfassen konnten; wie gesagt, wir waren halbnackt, wir trugen sehr wenig Kleidung. In der Wohnung, wie in allen Haushalten, befanden sich eine Menge Dinge, und mit ein wenig Improvisation hätten sie uns etwas Passendes geben können. Doch im Hinblick darauf, was uns in den letzten paar Tagen widerfahren war, äußerten wir keine Wünsche und wir wurden ganz sicher nicht verwöhnt. Das war eine neue Erfahrung für mich. Wir hatten uns alle blitzschnell und radikal verändert.

Als mein Vater und mein Bruder zu uns stießen, hofften wir, dass sich die Einstellung unseres Onkels, seiner Schwester und Schwägerin uns gegenüber ändern würde. Obwohl die Stimmung nicht feindselig war, fühlten wir uns dennoch nicht als Teil des Haushalts. Wir waren zu einer Last geworden, mit der sie sich nicht abschleppen wollten.

Für mich begann eine ganz neue Erfahrung, im krassen Unterschied zu allem, woran ich bisher gewöhnt war. Nun war ich in der Wohnung eingeschlossen und hatte nichts zu tun und niemanden zum Spielen. Ich hörte nur den Diskussionen zu und beobachtete, was die Familienmitglieder taten. Ich bemerkte die unterschwellige Feindseligkeit zwischen meiner Familie und unseren Verwandten. Niemand fragte mich, wie es mir ging und ob ich etwas brauchte. Da ich verstand, wie die Ereignisse meinen Eltern und Geschwistern mitgespielt hatten, beklagte ich mich nicht und bat um nichts. Meine Schwester war fast gleichaltrig mit meiner Tante Batya, mit der sie vieles gemein hatte. Sie passte sich schnell an die neue Umgebung an.

Sie hatte vor dem Krieg in Chernowitz studiert, hatte Freunde gehabt und wenig Probleme damit, sich in Gesellschaft zu bewegen, Bücher zu lesen usw. Mein Bruder hatte auch in Chernowitz studiert, doch er konnte sich seine Verbindungen nicht zunutze machen. Junge Juden wurden auf der Straße gejagt und zur Zwangsarbeit gepresst. Er konnte wenigstens lesen und sich an den Diskussionen der Erwachsenen beteiligen.

Ich konnte nicht besonders gut lesen, hatte nichts und niemanden zum Spielen. Alle meine Gedanken kreisten darum, was mit uns geschehen würde und was die Zukunft bringen würde. Würden wir überleben? Was dies das Ende unseres Lebens? Was haben die Juden getan, dass wir ständig verfolgt und sogar ermordet werden?

Will ich Jude sein? Habe ich eine Wahl? Ich hatte keine Antworten darauf und niemand kümmerte sich um mich, außer meiner Mutter, die mich weinend in den Arm nahm und dabei „ich wünschte, all dein Leiden fiele auf mich” flüsterte („es soll mier sein far dier”).

Es war immer noch gefährlich, auf die Straße zu gehen. Die Auswirkungen des Pogroms und die Ermordung von Tausenden von Juden waren immer noch sichtbar und spürbar.

Mein Vater, nun aus der Polizeihaft befreit, ruhte aus, um sich von den Auswirkungen seiner Verletzungen und des Hungers zu erholen und versuchte, einen Weg zu finden, etwas Geld zu verdienen, um uns ernähren zu können. Die einzige Art, zu kommunizieren und etwas zu transportieren war es, zu Fuß zu seinem Ziel zu gehen, wenn man eins hatte.

Eines Tage wurde mein Vater auf der Suche nach Arbeit oder einer Einnahmequelle auf der Straße von deutschen Soldaten „gejagt.” Sie luden ihn auf einen Lastwagen zusammen mit anderen „erjagten” Juden und zwangen ihn, als Schweißer zu arbeiten. Der Deutsche schaltete das Schweißgerät ein, wobei er die notwendige Schutzmaske trug. Er schweißte, während mein Vater das Arbeitsstück festhielt, ohne Schutzkleidung zu tragen. Wenn er den Blick abwandte, würde er sich an den Händen verletzen, sah er hin, wurde er geblendet. Er wurde in der Nacht freigelassen und kehrte nach Hause zurück, fast blind mit geschwollenen Augen und verbrannten Händen.

Aufgrund der Jagd in den Straßen blieben die Leute zu Hause, sodass die Juden sich, wenn sie irgendwohin wollten, heimlich dorthin schleichen mussten. Da die Deutschen „Freiwillige” für unbezahlte Arbeit brauchten, verlangten sie von der rumänischen Polizei, sie mit Arbeitskräften zu versorgen.

Aus diesem Grunde, oder einfach nur aus Schikane, überfiel die rumänische Polizei auch Wohnungen. Sie gingen von Tür zu Tür und suchten nach Arbeitern. Dieses Mal versuchte Vater sich zu verstecken, um die schreckliche Erfahrung, die er mit den Deutschen gemacht hatte, nicht zu wiederholen. Unglücklicherweise wurde er gefunden und schwer bestraft. Er erhielt 25 Peitschenhiebe auf Rücken und Körper. Er litt furchtbar und wir litten mit ihm.

Mutters Verwandten in Chernowitz, die älter als Bruder und Schwester meines Vaters waren, und viel erfahrener, hatten etwas mehr Verständnis und waren mitfühlender.

Mutter und ihre Tante Dina waren gleichaltrig. Tante Dina gab uns ein paar Sachen und erlaubte uns sogar, in ihrem Ofen Brot zu backen. Sogar entfernte Verwandte wie Onkel Moshes Schwiegereltern halfen uns.

Vaters Bruder Moshe lebte in einem Dorf nicht weit von Chernowitz namens Molodie. Sie wussten nicht, was uns geschehen war. Moshe verließ das Dorf, um nach uns zu suchen, und als er uns fand, beschloss er, unser Schicksal zu teilen und zu uns, seiner Familie, ins Ghetto zu ziehen.

Nichtjuden aus Viishoara, dem Heimatdorf meines Vaters, die in die Stadt kamen, um ihr Obst und Gemüse und andere Waren zu verkaufen, waren mitfühlend und halfen uns, oder zumindest erschien es uns so.


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Das Ghetto in Chernowitz

Ein paar Monate nachdem wir in Chernowitz ankamen, beschloss die rumänische Regierung, offenbar auf Betreiben der Nazis, alle in Chernowitz lebenden Juden in ein Ghetto zusammenzupferchen. Ein sehr kleines Gebiet in der Stadt wurde zum Ghetto bestimmt, und wir bekamen ein paar Stunden Frist, unsere Wohnung zu verlassen und ins Ghetto umgesiedelt zu werden. Jeder Mensch war selbst verantwortlich, sich seinen Platz im Ghetto zu suchen.

Wir suchten nach einem Verwandten oder Freund, der im Ghetto lebte und willens und in der Lage war, uns aufzunehmen.

Saul Weinrober, ein Verwandter und Freund der Familie aus Corjeutz, dem Heimatdorf meiner Mutter, lebte im Ghetto. Er war verheiratet mit Yetti, die in Chernowitz geboren und aufgewachsen war. Saul und Yetti hießen uns willkommen, und wir bereiteten uns auf den Einzug vor.

Unsere Familie, Verwandte von Vater und Freunde von Sauls Frau versammelten sich in ihrer Wohnung. Der Umzug ins Ghetto ging sehr schnell. Mein Vater fand einen Bauern aus Viishoara auf dem Markt, der sich anbot, uns und unsere Sachen auf seinem Wagen zu transportieren. Natürlich nahm er alles, was in der Wohnung übrig geblieben war, an sich.

Ein alter Armeewintermantel, den Onkel Simon aus der rumänischen Armee mitgebracht hatte, wurde braun angemalt, und aus dem Stoff wurde mir eine kurze Winterjacke genäht. Endlich wurde etwas für mich getan, damit ich im aufkommenden Herbst und Winter nicht zu frieren brauchte. Dieser alte Mantel war ein Glücksfall, jetzt hatten wir alle etwas anzuziehen.

Wir blieben etwa einen Monat im Ghetto, bis zur Deportation nach Transnistrien. Das Ghetto war dicht gedrängt mit Menschen und ich fühlte mich wohl. Hier konnte ich mich frei bewegen und mit Kindern in meinem Alter reden. Ich traf sogar meinen Cousin Avraham, der zehn Jahre lang mein bester und engster Freund gewesen war. Das Paradoxe war, dass ich mich im Ghetto wohler und glücklicher fühlte als zuvor, sogar noch besser als im Exil in Boian. Die Menschen fühlten sich einander näher und trugen Leid und Schwierigkeiten gemeinsam. Das gegenseitige Verständnis und die Hilfsbereitschaft besserten sich.


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Deportation nach Transnistrien

Schließlich befahl man uns, das Ghetto zu räumen und mit Minimalgepäck zum Bahnhof zu gehen, da wir nach Transnistrien „umgesiedelt” werden sollten, um dort Bauern zu werden.

Es wurde immer und immer wieder betont, dass es sich nicht um „Deportation”, sondern um „Umsiedelung” handelte. Auf dem Bahnhof wurden je 40 Menschen in einen geschlossenen Waggon gepfercht und dieser dann geschlossen und versiegelt. Man befahl uns, nur das mitzunehmen, was wir tragen konnten. Der Zug brachte uns nach Otaki, einem kleinen Dorf am Dnjestr am bessarabischen Ufer. Moghilev Podolsk auf dem ukrainischen Ufer war eine relativ große Stadt. Es war kalt geworden, denn in der Woche des 20. Oktober 1941 war der Herbst angebrochen.

Im Ghetto in Chernowitz hatte man uns erzählt, das man uns an einen Ort bringen würde, in dem wir eine landwirtschaftliche Siedlung errichten sollten und somit produktive Arbeit leisten würden. Niemand setzte sich diesen Umsiedlungen entgegen; weder von der Stadt ins Ghetto, noch, wenn lange Schlangen von Menschen von einem Ort an den anderen zogen, nur von ein paar rumänischen Soldaten bewacht. Es war nicht notwendig, Gewalt gegen uns anzuwenden. Wir taten alles, was man von uns verlangte, mit einer Disziplin, die ich niemals wieder gesehen habe, nicht einmal Jahre später in der Armee oder in den vielen militärischen Einheiten, mit denen ich in Berührung kam.

Es gab keinen Protest über diese Zwangs-„Umsiedlung”, weder bei der von der Stadt ins Ghetto noch, wenn die langen Schlangen von Juden in den Zug geschoben und brutal in überfüllten und versiegelten Güterwaggons abtransportiert wurden. Dieser Mangel an Protest erschien mir inakzeptabel, und obwohl ich ein Kind von erst elf Jahren war, konnte ich diesen blinden Gehorsam dem Schicksal gegenüber nicht verstehen. Die Älteren verstanden natürlich, dass es keinen Sinn hatte, zu protestieren, oder vielleicht Sinn hatte, aber nichts nützen würde. Dies hat Narben hinterlassen, die ich bis heute in mir trage, und ich habe mich davon nie befreien können, obwohl ich wusste, dass ich an der Situation damals nichts hätte ändern können. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich früh im Leben entschlossen habe, eine lange Militärlaufbahn anzutreten, wovon ich später erzählen werde.


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Otaki

Wir stiegen in Otaki aus, erleichtert, endlich wieder frische Luft atmen zu können. Wir waren in überfüllten Waggons zusammengepfercht gewesen, ohne Fenster, ohne Nahrung, ohne Wasser und ohne Hygieneeinrichtungen. Es hatte bei unserer Ankunft schon seit Tagen geregnet. Man trieb uns an den Fluss, wo wir uns niederließen und neue Befehle erwarteten. Die nichtjüdischen Anwohner waren diese Transporte schon gewohnt und kamen, um Brot und Wasser gegen Geld, Gold oder andere Gegenstände einzutauschen. Wir, denen man alles weggenommen hatte, die weder Geld noch Gold hatten, konnten nur mit dem wenigen bezahlen, das wir aus dem Haushalt unserer Familie mitgebracht hatten. Der Regen, die Kälte und der Hunger erfüllten unser ganzes Bewusstsein, jedenfalls das meiner unmittelbaren Familie.


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Transnistrien

Die Brücken, die Bessarabien mit der Ukraine verbanden, waren ebenfalls von der Sowjetarmee zerbombt worden. Hier war die Zerstörung total, es wiesen nur noch wenige Anzeichen darauf hin, dass hier einmal Brücken gestanden hatten.

Der einzige Weg hinüber war per Boot. Sie verluden uns in kleinen Gruppen in die Boote und zogen uns mit Seilen an das andere Ufer in das riesige, leere Ungewisse.

Vater war die Gegend aus dem Ersten Weltkrieg bekannt. Unsere Familie war sogar ursprünglich aus der Ukraine und war erst später nach Bessarabien gezogen. Meine Mutter erinnerte sich, dass wir Verwandte in der Stadt Bari hatten. Mein Vater entwickelte eine Theorie, der zufolge es in unserem besten Interesse wäre, soviel Abstand wie möglich zwischen uns und dem Dnjestr zu schaffen und in das Tal jenseits des Bug zu gelangen. Ich habe keine Ahnung, worauf seine Theorie beruhte. Im Rückblick bin ich froh, dass aus dem Plan nichts geworden ist.

Entgegen seinem Plan, so weit wie möglich zu wandern, tief in die Ukraine hinein, warteten bereits Leute auf uns, die wir kannten, und die in früheren Transporten gekommen waren.

Die Juden von Bessarabien waren viel früher abtransportiert worden als jene aus Bukowina. Unsere Bekannten holten uns aus dem Konvoi, trotz strenger Überwachung durch die Rumänische Soldatenschaft, und überredeten uns, in Moghilev Podolsk zu bleiben. Sie hatten in Moghilev gute Beziehungen, durch die sie eine Sondergenehmigung der Behörden erwirkt hatten.

Tante Batyas Freundin Riva'le Goverman war eine sehr schöne und lebhafte junge Frau, die mit ihr zusammen in Bricheni studiert hatte. Sie war mit dem Gouverneur des Moghilev-Distrikts gut bekannt und bekam daher die Genehmigung, dass wir in Moghilev bleiben konnten. Die legale Erklärung für die Genehmigung war, dass mein Bruder und Onkel Zunea in einer Metallfabrik, die auf Rumänisch Turnatorie heißt, arbeiten würden. Unsere gesamte Familie wird die große und einzigartige Hilfe Riva'les niemals vergessen, die uns unserer Überzeugung nach vor einer furchtbaren Existenz oder sogar dem Tod bewahrt hat. Wir werden sie nie vergessen und stets mit Respekt an sie denken.

Eine der verbliebenen Jüdinnen in der Stadt war die verwitwete Frau Zbrijer. Ihre Wohnung war in der Pojarnaya-Straße nahe dem Stadtzentrum, und sie gab uns ein Zimmer. Ich weiß nicht, ob wir sie bezahlt haben oder ob es umsonst war.

Frau Zbrijer hatte eine Nichte, die auch aus Bessarabien deportiert worden war, bei sich wohnen. Sie war sehr nett zu uns und half uns in jeder erdenklichen Weise. Sie erlaubte uns, das im Keller gelagerte Holz zum Heizen unseres Zimmers zu nehmen und gab uns freie Benutzung ihres Küchenherdes. Einmal, als mein Vater in den Keller ging, um Holz zu holen, versuchte er, ein zu großes Stück zu heben, oder vielleicht war es auch die Art, wie er es zu heben versuchte, das Ergebnis war jedenfalls ein doppelter Leistenbruch. Er litt sehr darunter, niemand wusste, was zu tun war oder wen man um Hilfe bitten konnte.

Die Stadt Moghilev liegt am Ufer des Dnjestr, einem langen, breiten und sehr reißenden Fluss, der nicht weit von Odessa ins Schwarze Meer mündet.

Die Sowjets zerstörten nicht nur die Brücken, als sie sich zurückzogen, sondern rissen auch die Deiche ab, was zu großen Überschwemmungen führte. Alle tief gelegenen Teile von Moghilev waren überflutet. Manche der Häuser brachen zusammen und manche waren stark beschädigt und instabil. Die Häuser bestanden aus Holz und waren mit Lehm und Stroh verputzt, welches von der Flut fortgespült wurde.

Unter denjenigen, die in einem der letzten Transporte ankamen, befand sich ein älteres Ehepaar, Aaron und Malka Weissman. In Lipcani waren sie Nachbarn von uns und Onkel Eliezer, und Tante Leika, Erics (Zvis) Eltern, hatten eine Hälfte ihres Hauses bewohnt. Die Weissmans waren kinderlos und trotz der Tatsache, dass sie reich waren, hatten sie doch kein Glück und keine Freude an ihrem Leben. Er verdiente Geld, indem er Land an Bauern verpachtete, doch das meiste Geld kam vom Pelzhandel. Obwohl er ein Mann ohne formelle Schulbildung war, reiste er oft nach Europa und Amerika, um seine Felle zu verkaufen. Aaron wusste eine Menge über die Welt und Vater liebte es, mit ihm zu reden und Geschichten über seine Reisen in viele Teile der Welt zu hören.

Mein Vater lud sie ein, mit uns in unserem Zimmer in Frau Zbrijers Haus zu wohnen. Unsere Familie schlief in den Betten, Schränken und Kommoden und die Weissmanns hatten die Ehre, auf dem Tisch zu nächtigen.

Malka kränkelte gewöhnlich und er war der starke und Mutige von beiden, doch das Schicksal hat seine eigenen Gesetze. Innerhalb kurzer Zeit starb Aaron in diesem Zimmer. Mein Vater erbte Aarons „Bündel”.

Ich hatte zu Hause in Lipcani viele Beerdigungen gesehen, da wir gegenüber der Synagoge gewohnt hatten, die auf dem Weg zum Friedhof lag, aber dies war das erste Mal, dass ich einen Toten von Angesicht zu Angesicht sah.

Es war ein schreckliches Erlebnis. Eine Person, die unter uns lebte, die wir liebten und deren Sanftmut und Humor wir bewunderten. Er pflegte interessante Geschichten von Amerika, Berlin und anderen europäischen Hauptstädten zu erzählen, in denen er geschäftlich zu tun gehabt hatte. Für uns Kinder und sogar für die Erwachsenen waren es märchenhafte Geschichten, die man sich kaum vorstellen konnte.

Dieser lebendige und lebhafte Mensch starb, nicht aus Altersschwäche, sondern aus mangelnder ärztlicher Fürsorge für eine Krankheit, die doch einfach zu behandeln gewesen wäre. Mein Vater war sehr traurig und tief bewegt vom Tod seines guten Freundes. Doch das war erst der Anfang!


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Das Ghetto von Moghilev

Nach mehreren Monaten im Zbrijer-Haus im Stadtzentrum siedelte man uns in einen neuen Stadtteil um, der zum Ghetto erklärt worden war. Eine durch Zwangsarbeiter errichtete Mauer umschloss einen sehr kleinen Teil von Moghilev, und jeder, der bleiben durfte, war auf das Ghetto beschränkt. So wurden wir wieder einmal in ein Ghetto zusammengepfercht, dessen Mauern wir selbst durch erzwungene Arbeit errichtet hatten. Wir bezogen ein einziges Zimmer; nicht etwa eine Einzimmerwohnung mit eigenem Badezimmer und Küche, sondern einen Raum, in dem sechzehn von uns wohnten. Am Tage war es noch möglich, sich zu bewegen, aber des Nachts wurde fast die gesamte Bodenfläche zu einem einzigen großen Bett. Mein Vater, meine Mutter und ich schliefen zusammen in einem aus Holzbrettern gezimmerten Bett. Dies war ein richtiges Bett, das auch am Tage stehen blieb. Mein Bruder und mein Onkel schliefen auf dem Tisch; meine Schwester und Tante Batya auf dem Boden eines leeren Schrankes, der dafür jede Nacht umgekippt und des Morgens wieder aufrecht hingestellt wurde. Wir schliefen auf diese Weise, so wie alle anderen auch; die Nähe war sehr intensiv. Der Raum hatte auch einen Herd, der sowohl zum Heizen als auch zum Kochen verwendet wurde.

Mutter musste jeden Tag improvisieren und eine Mahlzeit aus fast nichts zaubern. Mein Vater war deprimiert und hatte wenig Antrieb. Was ihn betraf, so war die Welt bereits mehrere Male über ihm zusammengebrochen. Er hatte keine Hoffnung mehr.

Mein Bruder David und Onkel Zunea arbeiteten ohne Bezahlung, bekamen aber immerhin zu essen. Tatsächlich hoben sie gewöhnlich einen Teil ihrer Mahlzeiten für uns andere auf. Um das Haus zu heizen, sammelten wir das Holz aus Häusern zusammen, die durch die vielen Fluten zusammengebrochen waren. Als wir dies verfeuert hatten, „halfen” wir anderen beschädigten Häusern dabei, zusammenzustürzen.

Einmal brachen wir sogar ein Plumpsklo in einem Hof ab, während noch jemand darin saß. Einige der Juden arbeiteten an der Konstruktion einer hölzernen Brücke über den Dnjestr. Die Brücke war von einer „Baufirma” namens „Organisation Todt” entworfen worden. Deutsche in Uniform waren auch dabei, aber ich glaube, die meisten waren Zivilisten, die für Konstruktion und Wiederaufbau mobilisiert worden waren… Es sah aus wie ein Ingenieurskorps der Armee, doch sie waren scheinbar eher damit beschäftigt, zu bauen und die Armee zu unterstützen, als zu kämpfen. Unter ihnen befanden sich Wehruntüchtige, doch es waren auch junge Menschen in der Gruppe. Die Brücke wurde während des Winters gebaut. Löcher wurden ins Eis gebohrt und hölzerne Pfähle mit Metall beschlagenen Spitzen auf den Grund herab gesenkt. Ein Kran hob einen „Hammer” etwa zehn Meter hoch und ließ ihn dann los, wodurch der Pfosten jeweils einige Zentimeter in den Boden gerammt wurde.

Als die Häuserruinen kein Feuerholz mehr hergaben, stahl ich mich zu der Brückenbaustelle, außerhalb des Ghettos, und begann Holzstücke aufzusammeln. Ich fand auch einen Holzpfosten mit einer schönen Metallspitze, der wohl von einem glücklosen Versuch stammte, diesen in den Boden zu rammen. Ich hob den Pfosten an, der mehr wog als ich, und begann mich auf den Heimweg zu machen. Einer der Deutschen, der mich dabei beobachtet hatte, wie ich Holz gesammelt hatte, ersann eine originelle Methode, um mich zu bestrafen und mir Angst einzujagen. Er band mich an das Tau, an dem sonst der Hammer befestigt war. Er zog mich bis zur maximalen Höhe hinauf und ließ das Seil plötzlich los, wodurch ich bis wenige Zentimeter über das Eis frei herunterfiel.

Dann ließ er mich vorsichtig durch das Loch in das eiskalte Wasser hinab, zog mich heraus und erlaubte mir dann, das Holz mit nach Hause zu nehmen. Ich rannte um mein Leben, wobei ich das Holz vor Freude an mich presste und nicht einmal bemerkte, wie mir die eisige Kälte in die Knochen drang.

Wie ich bereits sagte, steckte mein Vater – der sein ganzes Leben lang der Ernährer der Familie gewesen war und später den Platz meines Großvaters als Familienoberhaupt einnahm, nicht nur, weil er der Älteste war, sondern auch aufgrund seiner Persönlichkeit und seines Charakters, die durch harte Arbeit von Kindesbeinen an geprägt worden waren, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und große Handelsverträge erfolgreich abgeschlossen hatte – so lange alle Schicksalsschläge ein, bis er aufhörte, an seine eigene Stärke zu glauben. Seine Versuche, uns zum Selbstmord zu überreden, zeugten von dieser Einstellung und von seinem Mangel an Vertrauen und Glauben an die Zukunft. Sein Mutverlust und seine Depression berührten uns alle. Wir erinnerten uns noch gut an das starke Familienoberhaupt, sein Charisma, das vor dem Krieg die gesamte Stadt beeinflusst hatte und das nun nur noch Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ausstrahlte.

Wir hatten nun weder Geld noch Habe. In unserer Familie hatte niemand Gold, Devisen, Diamanten oder andere wertvolle Dinge gehortet, wie es seit Generationen die Gewohnheit der Juden der Diaspora gewesen war. In unserer Familie war alles nach der Philosophie meines Vaters in die Vergrößerung des Geschäfts investiert worden. Nicht ein einziges Mal war er dem Rate seines Freundes Weissmann gefolgt, einen Teil seines Vermögens in der Schweiz oder in Amerika zu deponieren, oder dem seines Bruders Matityahu, Land in Palästina zu erwerben.

All unser Geld war in Grund und Boden und weitere Mühlen gesteckt worden, und man hatte sogar erwogen, neue Geschäfte zu gründen. Er bereute all diese Entscheidungen, die sich jetzt als falsch erwiesen. Seine Reue war eine Last, unter der er zusammenbrach.

Wir hatten etwas „Extrakleidung” mit uns gebracht, da wir glaubten, unterwegs Großmutter und Großvater zu begegnen. Ein Teil des wenigen, das wir von Chernowitz mit uns gebracht hatten, gehörte uns daher nicht einmal. Die Zukunft sah trübe aus. Niemand wusste, was er tun sollte oder was aus uns werden würde.

Unter den Verbannten befanden sich Leute, die Geld und Schmuck mitgebracht hatten. Für eine Weile konnten diese Leute sich auf fast demselben Niveau wie zu Hause ernähren. Wir hatten nichts zu essen. Wir hatten auch kein Geld, mit dem wir etwas kaufen konnten, und nichts, was wir verkaufen konnten, um dafür Essen zu kaufen.

Ohne darüber wirklich nachgedacht zu haben, hatte ich eine Rolle Garn aus einer der Taschen zu Hause mitgenommen. Auf dem Markt verkaufte ich die Spule und kaufte dafür dünnes Papier, mit dem man Zigaretten drehen konnte, und verkaufte dieses weiter. Am Ende brachte ich genug Geld mit nach Hause, um die Familie mehrere Tage ernähren zu können. Zuerst wagte ich nicht zu erzählen, wie ich mein „Geschäft” gemacht hatte, da ich die Spule ohne Erlaubnis genommen hatte, aber am Ende musste ich es doch zugeben und man verzieh mir.

Die erzielte Summe war nicht so wichtig; was zählte, war, dass es meinen Vater wieder zum Leben erweckte. Durch mein Beispiel regte sich sein starker Geschäftssinn, und er gewann neuen Mut und begann zu glauben, dass vielleicht doch nicht alles verloren sei. Nach dieser ersten Initiative beschränkte ich mich darauf, ihm zu assistieren. Er begann, als Mittelsmann zu kaufen und zu verkaufen, doch am wichtigsten war der Umstand, dass sein Selbstvertrauen wieder langsam zu ihm zurückkehrte.

Mein Vater erwachte zum Leben und gewann allmählich seine Energie zurück. Das „Geschäft” war komplex und gefährlich. Man brachte die rumänischen Soldaten, die das Ghetto bewachten, dazu, bei Schmuggelaktionen von Ware aus Bessarabien in die völlig leere Ukraine mitzumachen.

Die deportierten Juden in Moghilev, darunter auch mein Vater, hatten allmählich eine Beziehung zu den Soldaten aufgebaut, auf streng geschäftlicher Basis. Jeder erhielt seinen Anteil am Geschäft. Die Soldaten bekamen den Löwenanteil. Sie versorgten uns durch das Schmuggelgeschäft mit den Lebensmitteln, die wir so dringend brauchten.

Auch vor dem Krieg war die UdSSR nicht besonders wohlhabend. Mangel und Lebensmittelrationierungen waren jahrelang das tägliche Brot gewesen. Der Krieg verschlimmerte die Situation, denn in unserer Gegend gab es keine Industrie. Wir hatten nichts zu essen, und die ukrainischen Bauern hatten nichts außer Essen. So importierten wir Salz, Hefe, farbiges Papier, Öl und eigentlich alles, wozu die Soldaten in der Lage waren, aus Rumänien dorthin. Manchmal handelte es sich bei der Ware nur um Soda, um Seife zu machen. Solche Geschäfte waren natürlich illegal, und Schmuggelhandel ist nicht einmal in Diktaturen reinsten Blutes gut angesehen. Alles geschah unter großem Risiko, sowohl körperlich als auch finanziell.

So merkwürdig und unglaublich dies alles erscheinen mag, so hatten wir doch sogar einen deutschen Soldaten, der für uns schmuggelte, und nicht nur gewöhnliche Ware. Später werde ich davon noch genauer erzählen.

An einem solcher Tage, an denen man keine Ahnung hatte, was sein würde, wohin man ging und was man suchte, außer Essen natürlich, gingen mein Vater und ich aus, in der Hoffnung, etwas Geld zu verdienen. Wir wussten nicht, wonach wir suchten, oder wohin wir gingen.

Unterwegs hielt uns ein mit einem Gewehr bewaffneter rumänischer Soldat an und befahl meinem Vater, ihm zu folgen, um irgendeine Arbeit zu leisten. Ich wurde fortgeschickt, aber ich folgte ihnen.

Mein Vater ging mit, aber er versuchte, auf sich aufmerksam zu machen, während sie sich noch im Ghetto befanden, doch niemand nahm Notiz von ihm. Wir erreichten das Ende des Ghettos in der Richtung des Friedhofes und mein Vater bedeutete mir, ihm nicht länger zu folgen, doch ich vergrößerte lediglich den Abstand zwischen uns und folgte ihm, bis es nicht mehr länger ging, und dann hielt ich an und wartete.

Nach einer Stunde sah ich meinen Vater allein zurückkehren. Er erreichte mich und presste mich mit aller Kraft an sich, wobei er bitterlich weinte. Er erzählte mir, was auf dem Friedhof geschehen war.

Der Soldat hatte ihn töten wollen. Das war seine Absicht. Doch sobald sie den Friedhof erreicht hatten, gelang es meinem Vater, ihn zu davon zu überzeugen, dass er sich dadurch kompromittieren würde, da ich alles gesehen hatte und wahrscheinlich auf dem Wege sei, um den Kommandanten zu holen.

Der Soldat willigte ein, ihn nicht zu töten, doch er verlangte dafür die Kleidung meines Vaters. Als mein Vater zu bedenken gab, dass man Fragen stellen würde, wenn man ihn nackt vorfände, stellte sich der Soldat mit dem Hemd zufrieden. Mein Vater erzählte, dass er vorgehabt hatte, mit dem Soldaten zu kämpfen, ihm sein Gewehr wegzunehmen oder ihn, wenn nötig, zu töten. Ich bewunderte seinen Mut und lobte ihn dafür. Ich wollte einen Vater, der ein Held war, nicht ein gefallener Defätist. Die Idee des Widerstands und des Kampfes war mir schon einige Male zuvor gekommen, doch ich wusste nicht, wie ich es anfangen sollte, irgendwie erwartete ich, dass die Erwachsenen einen Widerstand organisieren würden. Hier hatte ich zum ersten Mal die Genugtuung, dass sich mein Vater gewehrt hatte, anstatt einfach aufzugeben.

An einem Wintertag, als wieder Schmalhans Küchenmeister war, gingen meine Tante Leah und ich los, um etwas zu finden. Wir wussten eigentlich nicht, wonach wir suchten. Wir wussten, wir mussten etwas zu essen finden, oder zumindest etwas, um den Herd zu heizen. Wir sahen einen Deutschen, der eine „Jerrican”, einen 20-Liter-Wasserkanister, schleppte, doch er strahlte dabei nicht die gewohnte Selbstsicherheit aus. Ich ging zu ihm und fragte in meinem besten „Deutsch-Jiddisch”, ob er etwas brauchte oder zu verkaufen hätte.

E sagte, er hätte einen Kanister mit Öl zu verkaufen. Voller Angst und Misstrauen vor seinen wahren Absichten nahmen wir ihn nach Hause und sammelten mit der Hilfe unser Familie, Freunden und Nachbarn die Summe Geldes zusammen, die er für diesen Schatz verlangte, und bezahlten ihn.

Voller Angst und Unbehagen unterhielten wir uns darüber, was in Deutschland passierte und an der Front. Er erzählte vom großen Erfolg der deutschen Armee, den wir „enthusiastisch begrüßten.” Er wusste offenbar, dass wir Juden waren, aber schenkte diesem Umstand zu unserer Überraschung keine Beachtung. Er zeigte uns Bilder von seiner Familie, und es war offensichtlich, dass er starkes Heimweh hatte und einfach mit irgendjemand reden musste, sogar mit deportierten Juden. Es waren zwei attraktive junge Frauen in unserem Zimmer, meine Schwester und meine Tante. Beide sprachen deutsch, und er genoss die Unterhaltung sichtlich.

Der deutsche Offizier kam noch mehrere Male und brachte uns Waren, gegen Bezahlung, versteht sich. Eines Tages erzählte er uns, dass er etwa einen Monat lang Heimurlaub hatte. Er sagte, er könnte uns Sachen mitbringen, die man nur in Deutschland finden konnte, doch er verlangte Vorauszahlung. Wir waren in einer verzweifelten Lage.

Ihm Geld zu geben, würde bedeuten, mindestens einen Monat lang, und im schlimmsten Falle für immer, ohne einen Pfennig zu sein. Ihm nichts zu geben, bedeutete, dass wir ihm misstrauten, sodass er vielleicht niemals wieder käme oder uns gar das Geld mit Gewalt fort nehmen würde, wogegen wir uns nicht hätten wehren können. Wir sahen ein, dass wir keine Wahl hatten, und gaben ihm fast alles, was wir aus dem Handel mit ihm erworben hatten. Das war ein riskantes Unterfangen, aber wir taten es dennoch. Wir bestellten Dinge bei ihm, die man in unserer Gegend unmöglich bekommen konnte und die uns den höchsten Wiederverkaufswert sichern würden.

Darunter befand sich „Cortisol” (oder „Codiasol”), ein Arzneimittel, das bei Typhus sehr wichtig, sogar lebensrettend sein konnte. Es mag überraschen, dass wir auch Kakao bestellten.

Es mag die Leser überraschen, aber es befanden sich im Ghetto sehr wenige Leute, die Geld oder andere Tauschwaren besaßen. Doch man wollte seinen Lebensstandard dennoch so hoch wie möglich halten, und sich auch mit Kakao verwöhnen. Leider überlebten nicht alle, nachdem ihre Mittel aufgebraucht waren. Sie konnten sich an die harten Bedingungen ohne ihren bisherigen Lebensstandard nicht gewöhnen.

Es dauerte länger als den erwarteten Monat, bis der Soldat zurückkehrte, und wir fingen schon an zu glauben, dass er nicht kommen würde, doch er kam wieder und brachte das Meiste von dem mit, was wir bestellt hatten. Unsere Überraschung war riesig, unsere Freude groß und das Geschäft ein Erfolg. Wir konnten von dem Erlös mehrere Monate lang leben.

Nach diesem Bombengeschäft kam der Deutsche nicht wieder. Er brach den Kontakt mit uns völlig ab, und ich sah ihn einige Monate später zufällig auf dem Ghettoflohmarkt wieder. Wir trugen kleine Wasserbehälter und einen Becher und riefen auf Russisch, „stellt euch an” und „Wer möchte kaltes Wasser?” auf echte Marktschreierart. Wir hatten damit keinen „geschäftlichen Erfolg.” Wir versuchten auch, Bonbons zu verkaufen, doch aßen dabei die meisten selber auf. Unsere Eltern schalten uns nicht dafür aus, dass wir einen Teil unserer Ware selbst aufgegessen hatten.

Eines Tages tauchte ein Feldwebel der rumänischen Armee auf, der aus unserem Dorf kam. Er kannte die Familien meiner Mutter und von Dina. Es schien beinahe, als hätte er nach uns gesucht. Dieser Mann, Mihailiuc, war ein Subotnik (Adventist), das heißt, ein Christ, der an die Heiligkeit des Schabbat glaubte. Seine Einstellung zu den Juden, und besonders gegenüber denen aus seinem Dorf, war positiv und freundlich.

Vielleicht war er nur ein guter Mensch oder von seinem religiösen Glauben beeinflusst. Er half uns, so gut er konnte. Er fungierte auch als Mittelsmann, um Nahrung und andere Waren in das Ghetto zu schmuggeln, die wir verkauften, um uns zu ernähren. Einmal besorgte er mir einen Job, in dem ich rumänischen Soldaten Essen ins Krankenhaus brachte. Das Krankenhaus und die Küche, von der wir das Essen abholten, befanden sich außerhalb des Ghettos, doch nahe der Mauer. Tag für Tag, zwei Wochen lang, trug ich Eimer voll Fleischsuppe, Kartoffeln und anderem aus. Ich wartete, bis die Soldaten fertig gegessen hatten und nahm den Rest wieder mit. Damit ernährte ich die gesamte Familie.

Das kulturelle Leben des Ghettos bestand darin, dass die Leute die mitgebrachten Bücher lasen. Ich konnte noch keine Bücher lesen, aber ich hörte den Unterhaltungen derjenigen zu, die lasen. Diese Unterhaltungen beschränkten sich nicht nur auf die gelesenen Bücher, sondern erstreckten sich auch auf literarische Analyse und Kritik verschiedenster Couleur.

Das gesamte Ghetto war ohne Strom. Zur Beleuchtung verwendeten wir manchmal Kerosinlampen. Wegen der Dunkelheit gingen wir früh ins Bett und der Hunger war im Schlaf bald vergessen. Meine Schwester und Tante lasen zuweilen bei Mondlicht, indem sie das einfallende Licht mit einem Topf auf das Buch lenkten. Meine Schwester und Tante Batya versuchten, mir Arithmetik, Geografie und die französische Sprache beizubringen. Doch damals hatte ich andere Sorgen. Sie wollten mir eine Schulbildung geben und ich kämpfte darum, Nahrung zu besorgen, was mir viel wichtiger und von höherer Priorität erschien.

Mein Bruder David und Onkel Zunea arbeiteten in der Eisengießerei. Jeden Tag zur Mittagszeit ging ich, um die Reste ihrer Mittagsmahlzeit abzuholen. Beide aßen nur wenig, da sie an die hungrigen Brüder und Schwestern daheim dachten.

Das Essen bestand gewöhnlich aus einer undefinierbaren Suppe. Ich ging diesen Gang jeden Tag, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Am Nachmittag eines harten Wintertages öffnete ich das dicke eiserne Fabriktor, als es im selben Moment jemand von innen tat. Durch den plötzlichen Luftzug schlug das Tor auf meinen Fingern wieder zu.

Obwohl ich einen harten Schlag erlitten hatte, klagte ich nicht einmal, denn ich hatte keine großen Schmerzen; meine Hand war einfach erfroren. Doch als ich nach Hause zurückkehrte und meine Hände wieder warm wurden, stellte man fest, dass alle meine Fingernägel abgerissen waren, was unerträgliche Schmerzen verursachte.

Niemand konnte mir helfen, und Schmerzmittel gab es nicht. Noch heute kann ich die Schmerzen fühlen, wenn ich mich an das Ereignis erinnere. Meine Mutter versuchte nach Kräften, mich zu trösten, aber der Schmerz trieb meinen Blutdruck noch in die Höhe, und ich konnte das Pochen des Schmerzes beinahe hören.

Mein Bruder David bekam Typhus, und seine Verfassung war sehr ernst. Wir waren gezwungen, ihn ins Krankenhaus zu bringen, da er intensiver ärztlicher Pflege bedurfte, doch auch, damit er uns aufgrund der schlechten sanitären Verhältnisse nicht ansteckte, denn Typhus ist ansteckend. Doch wir mussten ihm dennoch das Essen bringen, und ich war meistens der Bote.

Alle von uns waren fast immer hungrig. Wir waren sehr dünn, wie Skelette, und ich war am dünnsten. Ich konnte das Essen nicht ertragen, dem meistens Salz fehlte. Auch konnte ich ein Gericht namens Lemeshke nicht ausstehen, nicht allein wegen dessen Namen und Anblick, sondern wegen des Geschmacks – oder dem Mangel daran. Lemeshke war ein Brei aus Mehl und Wasser. Das Mehl bestand aus zwischen zwei Steinen zerriebenem Hafer. Diese Pampe zerging nicht etwa auf der Zunge – ganz im Gegenteil. Sie blieb am Gaumen kleben, und ich weigerte mich ganz einfach, sie zu essen.

(BU S. 45)
Mein Babyportrait

(BU S. 46)
Die Familie in Lipcani 1931-32. Sitzend von links nach rechts: Yaffa, Matityahu, Großvater Ya'akov Yehuda (Leib), Großmutter Fruma, Vater Nachman, Mutter Chaya. Stehend: Zunea, Olea, Moshe, Eliezer, Roza, Shimon, Zvi, Israel. Kniend/sitzend: David, Batya, Schalom, Rucha'le, Avraham, Dvora.

(BU S. 47)


Inhalt



Nach der Chanukka-Feier

Meine Eltern befürchteten, dass ich verhungern würde, und vom Weinen meiner Mutter aufgebracht schlug mich mein Vater mit seinem Gürtel. Doch ich weigerte mich immer noch zu essen. Es ist kein Wunder, dass ich durch den Nahrungsmangel in drei Jahren keinen Millimeter wuchs. Doch ich muss sagen, dass ich in jener Zeit niemals krank war, nicht ein einziges Mal, und keine körperliche Schwäche fühlte.

Zeit war reichlich da. Die Tage waren lang und der Hunger ärgerlich. Jeder Tag brachte Neuigkeiten von um sich greifender Krankheit und Tod innerhalb der schwindenden Gemeinschaft des Ghettos. Wir sahen zu, wie Karren die Toten aufsammelten, viele von ihnen von den Straßen und Hinterhöfen, und auf den Friedhof brachten. Nur wenig Weinen begleitete die Totenzüge; auch gab es nicht so viele Trauernde, wie man in unserer Heimatstadt Lipcani zu sehen pflegte. Die Wagen, die die auf der Straße aufgelesenen Toten wegbrachten, waren unbegleitet. Man vollführte nicht einmal die traditionelle religiöse Zeremonie, sie wurden einfach in ein Massengrab geworfen und mit Erde bedeckt. Kein Grabstein und kein Name bezeichnet ihre Grabstätte.

Eine Theatergruppe wurde im Ghetto gegründet, und sie führten eines von Goldfadens Musicals auf. Es gab kein Radio und keine Zeitung, aber es gab viele Nachrichtenagenturen, z. B. die Y.P.A. („Jiddische Plotke Agentur” – Jüdische Klatschagentur) oder die „Y.V.A.” („Jiddische Vilen Azoi” – „Jüdische Wunschagentur”) und andere. Die Nachrichten bestanden üblicherweise aus Unheilsvorhersagen, aber auch aus Neuigkeiten, die auf bessere Zeiten hoffen ließen. Nach den sehr verspäteten Meldungen von der deutschen Niederlage in Stalingrad stahl sich wieder ein wenig Optimismus in die Nachrichten, was eine willkommene Abwechslung gegenüber dem allgegenwärtigen Pessimismus bedeutete. 1943 beschloss die rumänische Regierung, die jüdischen Bürger von Regat, einer traditionell rumänischen Region, wieder nach Hause zu schicken. Diese Geste war dem standhaften Betreiben des jüdischen Staatsmannes und Millionärs Filderman zuzuschreiben, der die Rumänen davon überzeugen konnte, dass es sich angesichts einer möglichen Niederlage bezahlt machen würde, die Juden des traditionellen Rumänien nach Hause zurückkehren zu lassen.

Wir aus Bessarabien und die Juden aus Bukowina wurde bezichtigt, die Sowjetunion unterstützt und die rumänische Armee auf ihrem Rückzug 1940 beleidigt zu haben, und dafür wurden wir nun bestraft, außerdem war es nicht im Interesse der rumänischen Regierung, uns gleichfalls freizulassen.

Diejenigen, die in Transnistrien blieben, waren hauptsächlich Juden aus Bessarabien und der Bukowina. Um genauer zu sein, erhielt nicht jeder Jude aus Moldawien das Recht, zurückzukehren. Ich weiß aber nicht genau, was die Auswahlkriterien waren, wer freigelassen wurde und wer dableiben und im Elend leben und Hungers sterben musste.

Was uns betraf, änderte sich die Lage nach der Rückkehr der Regat-Juden nach Rumänien beträchtlich. Wir konnten in eine weit vom Fluss entfernt gelegene Wohnung in einer Gegend umzuziehen, die nicht von den Fluten heimgesucht wurde und daher in besserem Zustand war. Dies war nicht nur ein Zimmer, es war beinahe eine Wohnung. Ich nenne es eine Wohnung, weil es einen großen Raum gab und einen anderen, den wir zu Küche und Lagerraum umfunktionierten. In der Küche bauten wir einen Herd mit Ofen, beinahe wie bei uns zu Hause. Darüber hinaus gab es ein geheimes Zimmer mit einem hinter einem Schrank versteckten Eingang. Wir versteckten sowohl unsere Ware als auch uns selbst in diesem Geheimzimmer.

Als wir in die neue Gegend zogen, verbesserte sich auch unsere finanzielle Lage etwas. Verwandte und Bekannte, die in die Dörfer tief in der Ukraine deportiert worden waren, kamen mit ihren Habseligkeiten, meist Essen, per Lastkarren aus weiten Entfernungen nach Moghilev und brachten ein paar Waren mit, die sie gegen Schmuggelware aus Rumänien eintauschten.

In dem neuen Haus, ich glaube es hieß „Rotes Haus”, neben unserer Wohnung lebte die Familie Kremerman. Die Familie war in der Stadt geboren und es waren gebildete, intelligente, wunderbare Menschen. Herr Kremerman liebte die Werke von Shalom Aleichem, und er pflegte uns seine Bücher vorzulesen.

Das Jiddisch der ukrainischen Juden erschien mir gebildeter, feiner und weicher im Vergleich zu unserem Idiom. Unser Jiddisch war rauer als das von Herrn Kremerman. Seines war leichter, musikalischer, und klang für mich authentischer.

Ich liebte diesen Mann und schätzte seine Talente. Wenn er uns die Geschichten vorlas, schien es mir, als ob Shalom Aleichem selbst uns die Geschichten von Yehupitz und Boiberik erzählte.

Ich erinnere mich an ein anderes, von Lion Feuchtwanger geschriebenes Buch mit dem Titel Die jüdischen Kriege. Dvora und Batya lasen es laut vor und diskutierten ihre Eindrücke des Langen und Breiten. Dieser Roman brachte uns unsere historische Vergangenheit nahe, wie sie von dem zeitgenössischen Historiker Flavius beschrieben wurde. Ich war fasziniert von den Erzählungen, und verbrachte jede freie Minute damit, den Vorlesungen zuzuhören.

Meine Tante Dina war die ganze Zeit bei uns. Sie war in demselben Dorf wie meine Mutter, in Corjeutz, geboren worden. Ihre Schwester Tusea Rabinowitch war die beste Freundin meiner Mutter.

Dinas Mann Zvi war 1941 in die Sowjetarmee eingezogen worden, wurde dann vermisst und ist wahrscheinlich im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft gestorben.

Die Erwähnung von Dina erinnert mich an etwas, was damals geschehen war und woran ich mich lebhaft erinnere. Onkel Zvi war jünger als mein Vater (Zvi war das fünfte nach Vater geborene Kind), er war das Oberhaupt der zweiten Gruppe von Brüdern, die Großvaters Haus noch nicht verlassen hatten. Er war mein Lieblingsonkel und ich glaube, jeder mochte ihn. Er war attraktiv, intelligent und stets angenehm im Umgang. Er brachte immer, wenn er kam, Geschenke mit. Ich erinnere mich an ihn als die einzige Person, die mir Geschenke brachte.

Dina war attraktiv und von hoch aufgeschossener Statur, mit würdiger Haltung, und sie heirateten. Ihre Hochzeit ist tief in mein Gedächtnis eingegraben. Dadurch kam ich das erste Mal nach Corjeutz. Vaters gesamte Familie war aus Großvaters Heimatdorf Viishoara.

Von dort zogen wir in einem langen Wagenzug aus, wobei alle Dorfbewohner am Straßenrand standen und uns zuwinkten und uns nach dem Brauch der Gegend mit Weizen bewarfen. Wir unsererseits warfen den jubelnden Bauern mit ihren Kindern Silbermünzen und darunter vielleicht auch ein paar Bonbons zu. In Corjeutz traf ich meinen Großvater mütterlicherseits zum ersten Mal, und ich war sehr beeindruckt von seinem weißen Bart; noch mehr aber war ich eingenommen von seinen Geschichten und seiner charismatischen Gegenwart. Meine Onkel sprachen oft von seinem enzyklopädischen Gedächtnis und seiner Kenntnis der Physik und Mathematik, die bei Leuten mit Ausbildung zum Rabbiner selten war. Doch scheinbar war seine Bildung weitaus breiter gefächert.

Die Hochzeit wurde nach alter Tradition mit Musikern (Kleizmers) und Unterhaltern (Badhens) gefeiert. Die Feier dauerte mehrere Tage und alle waren froh und glücklich.


Inhalt



Dinas Krankheit

Tante Dina, die stets auf ein Wiedersehen mit Zvi hoffte, war sehr unnahbar. Sie war neu in der Familie und nur meine Mutter stand ihr nahe. Eine von Dinas Schwestern, Tusea, aus demselben Dorf, war eine Freundin meiner Mutter, und sie trug zur Nähe zwischen den beiden bei. Dina wurde sehr krank und war lange Zeit im Krankenhaus. Wir besuchten sie täglich zwei- oder dreimal, um ihr Essen zu bringen. Aufgrund ihrer speziellen Probleme brachten wir ihr besonderes Essen und Käse und gebackene Kartoffeln. Während dieser ganzen Zeit kümmerte sich meine Mutter intensiv um Dinas Bedürfnisse.

Obwohl dies eine Zeit der Nahrungsknappheit war, scheuten wir doch keine finanzielle Anstrengung, wobei manchmal alle anderen hungern mussten, damit Dina die besten Überlebensmöglichkeiten hatte. Trotzdem war sie nur Haut und Knochen, es fehlte ihr die Kraft, aufrecht zu stehen oder ihre Arme oder andere Körperteile zu bewegen.

Eine lange Zeit trugen wir sie auf unseren Armen, bis sie sich soweit erholte, dass sie selbst für ihre hygienischen Grundbedürfnisse sorgen konnte.

Die Hingabe meiner Mutter, die alles verzieh, außer, dass sich die anderen Familienmitglieder über ihre Fürsorge für Dina beschwerten, und all ihre anderen guten Taten für die Gemeinschaft über all die Jahre hinweg wurden weder belohnt noch anerkannt. Erst etwa 25 Jahre später auf ihrer Beerdigung erhielt sie endlich die Anerkennung, die sie verdiente, in einer Eulogie von Nathan Loewenthal, einem guten Freund der Familie. Er würdigte Mutters einzigartige Persönlichkeit und liebevolle menschliche Wärme.


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Das Telegramm aus Eretz-Israel

Ich habe die von Y.P. A. und Y.V.A. betriebenen Gerüchte-, Klatsch- und Nachrichtenagenturen bereits früher erwähnt, doch dabei habe ich nichts von dem interessanten und einzigartigen Erlebnis gesagt, das wir mit ihnen hatten. Eines Tages bekamen wir ein Telegramm aus „Eretz-Israel” durch das Rote Kreuz. Ja, Eretz-Israel, damals wurde es Palästina genannt und befand sich mitten im Krieg. Die Neuigkeiten aus dem Telegramm verbreiteten sich wie ein Lauffeuer im Ghetto und die Neugier der Leute kannte keine Grenzen.

Das Telegramm war auf Deutsch und enthielt nur einen kurzen Satz, „Wir Sind Zu Frieden.” Dieser Satz konnte mehrere Dinge bedeuten. Eine Erklärung wäre, „wir sind zufrieden”, oder, „wir befinden uns im Frieden.” Die weisen Leute von Moghilev steuerten Dutzende von Erklärungen bei. Die bloße Tatsache, dass da draußen noch eine Welt existierte, gab uns Hoffnung.

Das Telegramm gab uns einen Funken von Hoffnung, dass wir dem Frieden nahe wären, etwas, was wir in unserem täglichen Leben nicht fühlten. Für uns war das Telegramm nicht nur eine Friedensbotschaft, sondern ein Wunder.

Dies war das Zeichen für uns, dass noch nicht alles verloren war. Deutschland war eben nicht „über Alles.” Sie hatten noch nicht mit der Vernichtung der Juden von Transnistrien begonnen, wie sie dies in Ungarn oder Polen getan hatten.

Wo wir waren, starben die Leute an Seuchen und Hunger, und viele arbeiteten sich in den Minen, Steinbrüchen usw. zu Tode. Wir wussten nichts von den Methoden der Massenvernichtung, die gegen die anderen Juden in anderen Teilen des Reiches angewendet wurden. Davon erfuhren wir erst 1944.

Wir hörten Gerüchte vom Widerstand, und diese Gerüchte zusammen mit Fantasievorstellungen nährten die Hoffnung der Ghettojuden. Diese verschiedenen Gerüchtequellen gaben uns die Hoffnung, dass wir die schreckliche Lage, in der wir uns befanden, überwinden konnten.


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Romanze im Ghetto

Ein netter junger Mann, höflich und intelligent, namens Jusiu Ausländer aus Radautz in Bukowina arbeite mit meinem Bruder David zusammen in der Dreherei. Er war Dreher und hatte sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Mein Bruder und Martzi Binner hatten ihn meiner Schwester vorgestellt. Im Laufe der Zeit wurde er ihr Freund und fünf Jahre später heirateten die beiden.

Meine Schwester unterrichtete die Kinder von Freunden; natürlich ohne Lehrbücher. Ich fühlte mich zu einer ihrer Schülerinnen, Vilma Volkman, sehr hingezogen.

Meine Schwärmerei für sie begann schon mit ihrem Namen, Vilma. Ich kannte Namen wie Chaya, Rachel, Leah, Esther, Deborah – traditionelle jüdische Frauennamen, und hier war so ein hübscher, moderner und anderer Name.

Das Mädchen selbst war auch hübsch und sehr erwachsen. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber ich war so schüchtern und nahezu unfähig, mich in ihrer Gegenwart zu bewegen. Ich wusste weder, was ich zu ihr sagen sollte, noch traute ich mich, sie anzusehen. Das Herz schlug mir bis zum Hals.

Ich behielt meine Gefühle für mich und erzählte ihr nie davon, was in mir vorging. Viele Jahre lang dachte ich noch an sie und hatte idiotische Tagträume. Nach dem Krieg, als ich endlich in Bukarest war, bestellte ich eine Karte, auf der ihr Name eingeprägt war, und trug diese Karte anstelle eines Fotos, das ich nie besessen hatte, bei mir. Ich brauchte die Karte nur anzusehen, und schon erschien ihr schönes Gesicht mit dem blonden Haar und den blauen Augen vor mir, und ich brauchte kein Foto. Nur an sie zu denken oder ihren Namen zu erwähnen, war genug, um die Verliebtheit wieder heraufzubeschwören.

Diese Liebe aus der Entfernung blieb bis zu meiner Ankunft in Eretz-Israel in mir frisch und begann sich erst dort zu verlieren. Ich habe gesagt, dass sie meine erste wahre Liebe war, etwas, das ich von den Mädchen, die ich vor ihr getroffen hatte, nicht sagen konnte. Ich hatte seit dem Kindergarten in jeder Klasse Freundinnen gehabt. Bei ihnen fühlte ich niemals diese Atemlosigkeit und Aufregung wie bei Vilma. Wenn es so etwas wie reine Liebe gibt, dann habe ich sie in jener Periode meines Lebens erfahren.


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Die Deutschen treten den Rückzug an

Zweieinhalb Jahre vergingen, die Deutschen erlitten Rückschläge, und obwohl wir keine Einzelheiten erfuhren, wussten wir doch, dass uns die Front durch ihren Rückzug immer näher rückte. Wir hatten vor dieser Situation größere Angst, als wenn sie sich auf dem Vormarsch befunden hätten. Wir hatten besondere Angst vor jenen Ukrainern, die sich bereits 1941 den Deutschen angeschlossen hatten, als ihnen eine unabhängige Ukraine versprochen worden war. Zwei hohe Offiziere, ukrainische Nationalisten, waren damals samt ihren Truppen zu den Deutschen übergelaufen.

Ich beziehe mich auf Vlasov und Bender. Nationalistische Ukrainer waren seit Generationen antisemitisch eingestellt. Sie hassten alle Fremden, doch besonders die Juden. Der Nationaldichter Taras Grigorievitch Shevchenko war Antisemit und machte daraus in seinen Gedichten keinen Hehl. Bogdan Chmelnitzki, eine berüchtigte Figur, wurde von den Ukrainern verehrt, und überraschenderweise auch von den Sowjets, die ihn als Nationalhelden feierten.

Die Front rückte immer näher, die Deutschen begannen mit dem Rückzug, und jeden Tag wuchs ihre Zahl um ein Mehrfaches. Dies war nicht dieselbe deutsche Armee, die wir 1941 getroffen hatten. Diese Deutschen waren verdreckt, heruntergekommen, müde und oft hungrig. Wenn wir nicht gewusst hätten, was sie unseren Leuten in Europa und den Sowjetrepubliken angetan hatten, hätten sie uns wohl Leid getan.

Irgendwie spürten wir, dass die Tage der deutschen Herrschaft auf unserem Gebiet vorüber waren, und dass wir bald die Rückkehr der Sowjetarmee erleben würden. Nun, im Gegensatz zu jenen Tagen, als sie Bessarabien besetzt und wir sie als Eroberer gesehen hatten – nun betrachteten wir dieselbe Armee, die Sowjetarmee, als unsere Befreier.

Vater hatte große Angst vor den Tagen der Machtübernahme ohne Regierung. Er fürchtete besonders die Ukrainer. In einem Versuch, die Familie zu beschützen, wurde einstimmig vom Familienrat beschlossen, flüchtende Deutsche zu uns einzuladen.

Die Soldaten wussten, dass ihre Tage gezählt waren, und nahmen, erschöpft vom Rückzug und auf der Flucht vor der vorrückenden Front, unsere Einladung dankbar an. Sie wussten, dass wir Juden waren. Die Tatsache wurde im Gespräch niemals erwähnt. Wir gaben ihnen zu essen und zu trinken. Vater schlug vor, Karten zu spielen, damit sie wach blieben. Unsere Einschätzung der Lage war korrekt. Eine Gruppe von ukrainischen Soldaten versuchte, in die Wohnung einzudringen, um uns auszurauben oder noch schlimmeres, doch sie wurden von unseren „deutschen Gästen” zurückgeschlagen. Was für eine merkwürdig verkehrte Welt doch alles für eine Weile war. Unsere deutschen „Gäste” verließen uns bei Tagesanbruch, um ihre Truppen einzuholen, aber ich bin mir nicht so sicher, dass sie es vermeiden konnten, gefangen genommen zu werden.


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Die Sowjetarmee, unsere Befreier

Es kehrte wieder Ruhe in unsere Gegend ein. Die Deutschen und ihre verbündeten Truppen, Rumäner und Ukrainer, zogen ab oder versteckten sich. Die Sowjetarmee war noch nicht eingetroffen. In solchen Situation passiert immer etwas, und es gibt weder Recht noch Bürgerschutz. Jeder tut, was er will und was er sich traut. So begann die Plünderung der Lagerhäuser. Ich war in dieser catch-as-catch-can-Situation sehr aktiv. Alle meine Ängste verflogen, ich fühlte mich berechtigt, meinen Anteil an den von den Deutschen und Rumänen übrig gelassenen Kriegstrophäen zu holen. Ich rollte ein Fass 96-prozentigen Alkohol in unseren Hof und brachte ein herrenloses Motorrad nach Hause. Pferde liefen überall frei herum.

Nachdem wir in das Rote Haus gezogen waren, hatten wir vor dem Haus ein riesiges Feld und wunderschöne Bäume im Vorgarten. Man konnte frei herumlaufen und sich amüsieren. Ich tat alles, was ich fand, in den Vorgarten, ohne mir darüber Sorgen zu machen, ob jemand dies herausfinden würde. Ich hatte sogar ein Lager von farbigen Feldtelefonkabeln.

Nach ein oder zwei Tagen traf ein Armeekorps der Befreiungsarmee ein. Wir begrüßten sie mit der Wärme und dem Enthusiasmus, die dem Sieger und Befreier vorbehalten sind. Wir waren glücklich und aufgeregt nach diesen schlimmsten und schwierigsten Jahren, die Vater, Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich je erlitten hatten. Bei ihrem Eintreffen wurde uns klar, dass die Phase der Naziherrschaft endgültig vorüber war.

Der Krieg wurde immer noch an allen Fronten ausgetragen, und noch Hunderttausende mussten sterben, bis der endgültige Sieg errungen wurde.


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